Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497092
Freiburg. 
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ich zwischen dem Oberbau des Thurmes und den Theilen des Unterbaues 
(abgesehen natürlich von den frühest gothischen Theilen des SchilTes zu- 
nächst am Querschitl") nicht ähnlich markante stylistische Verschiedenheiten 
wahrgenommen habe, wie etwa zwischen dem Thurmbau des Kölner Domes 
und der Anlage der übrigen Theile des letzteren.  Die äussere Perspektive 
der Schiffe giebt einen malerischen Eindruck von eigenthümlicher Energie, 
in fast überraschender Weise; das hier vorhandene massige Verhältniss 
der Streben, Strebethürme und Strebebögen und die damit congruirende 
Weise der Dekoration ist vorzüglich schön; es ist etwas Plastisches darin, 
was sonst im Gothischen nicht häufig.  Was aber den durchbrochenem 
Obertheil des Thurmes  immerhin den schönsten der zur Ausführung 
gekommenen oder erhaltenen gothischen Helme  anbetrifft, so ist mein 
Gefühl im Anschauen der Wirklichkeit der früheren, mehr poetisch ab- 
stracten Theorie doch nicht nachgekommen. Erstens decken die Einzel- 
theile (der vorderen und hinteren Seiten) einander nur äusscrst selten in 
harmonischer Weise, geben mithin die Durchbrechungen einen, zum Theil 
sehr unrhythmischen Eindruck. Zweitens aber fehlt dem Ganzen, bei aller 
dichterischen Motivirung, eben doch die Festigkeit, Baulichkeit, Nothwendig- 
keit. Man sieht sich unwillkürlich auf die Frage des Cui bono'?, so 
trivial dieselbe auch ist, zurückgeführt. Es ist in dieser Anlage schliesslich 
und im Wesentlichen doch nur das Frappante, Staunen Erregende, zum 
Gefühl des Wunders Führende, wonach das Mittelalter so gern strebt. 
Doch bleibt das Verhältniss des Thurmes bei alledem sehr schön, ob auch 
mehr nur auf die Nähe und Tiefe berechnet. Von den Bergen gesehen 
wird er etwas zu schlank. 
Glasmalereien, besonders in den Fenstern der Seitenschide, ziemlich 
durchgehend aus dem 14ten, einiges Wenige auch vielleicht schon aus 
dem löten Jahrhundert. Einige grössere Heiligeniiguren haben die schlich- 
teste Durchführung jener, auf die starken Couture berechneten Darstellungs- 
weise (ähnlich den einfacheren Büchermalereien der Zeit)" und bringen 
dabei, in Farben und Linien, eine trefflich ornamentistisohe Wirkung hervor. 
Im Chorumgange spätere, in den Farben zum Theil sehr verdorbene Glas- 
malereien. (Hier sollen auch, wie mir später gesagt wurde, Grisaillen vor- 
handen sein, die man dem N. Manuel zuschreibt.) 
Grosses Altarwerk von Hans Baldung Grien, über dem Hochaltar. 
Bei geschlossenen Flügeln die vier Gemälde: 1) der Verkündigung, 2) der 
Heimsuchung, 3) der Geburt Christi (wobei der Lichteifekt von dem hell- 
gelblichen Christkinde ausgeht), 4) die Flucht nach Aegypten. Nachdem 
die mittlern, allein beweglichen Flügel umgeschlagen: in der 'Mitte die 
Krönung der Maria mit vielen Engelchen und auf den Flügeln die Apostel 
(unter diesen die schönsten Köpfe). Predella mit einem vortrefflichen Flach- 
relief, die Anbetung der Könige darstellend. Oberwärts ein neuer Taber- 
nackelaufbau, in welchem drei gute Heiligenstatnen der Zeit befindlich. 
 Rückseite: eine iigurenreiche Kreuzigung. auf welcher u. A. Hans Bal- 
dungs Portrait. Auf den Flügeln je zwei Heilige. Predella mit den Dona- 
toren vor der Madonna. Monogramm und Jahreszahl 1516.  Das Werk 
ist eben einfach in der Art des Meisters, im Allgemeinen von grossartiger 
Anlage, mit lebßndlger Charakteristik in den Köpfen und nicht sehr viel 
Geist, weder im Einzelnen noch im Ganzen. Die Färbung hat durchaus 
eine blasse, zum Weisslichen sich neigende Stimmung.
        

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