Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496534
Zur Geschichte 
der deutschen Kunst im Mittelalter. 
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solcher Beispiele in meiner „Pommerschen Kunstgeschichte" angeführt. Ein 
andres Beispiel ist die Klosterkirche zu Berlin, die urkundlich erst am 
Ende des 13ten Jahrhunderts begonnen wurde und bei der die Arkaden 
des Mittelschiiles noch immer die romanische Reminiscenz nicht verläugnen. 
Es ist diese Erscheinung somit schon sehr geeignet, uns das angenommene 
höhere Alter der betreffenden Bautheile des Merseburger Domes sehr zweifel- 
haft zu machen, während im Uebrigcn Anordnung und Verhältnisse, mit 
dem Naumburger Dome übereinstimmend, auch auf eine ungefähr gleiche 
Zeit mit diesem schliessen lassen. 
Dann sind einige der historischen Notizen in der genannten Abhand- 
lung des Hrn. L. in Erwägung zu ziehen. Wir erfahren durch sie, dass 
der alte Bau im dritten Viertel des elften Jahrhunderts erweitert, dass 
ihm im vierten Viertel ein Mittelthurm zugefügt ward und dass zu An- 
fange des zwölften Jahrhunderts das Sanctuarium der Kirche und-die ge- 
täfelte Decke (laquear) ausgemalt wurden. Von einem Mittelthurm sehen wir 
aber beidem vorhandenen Bau keine Spur mehr, auch scheint die ganze 
Anlage nicht darauf berechnet, und der Bericht über die Malerei lässt mit 
Bestimmtheit auf eine flache Decke schliessen, während der vorhandene 
alte Bau gewölbt ist und diese Gewölbe mit den Mauern gleich alt zu 
Sein scheinen. Herr L. sieht sich zwar, in Folge jener Notiz, veranlasst, 
den Gewölben ein späteres Alter zuzuertheilen, übersieht aber, dass in 
den Eckender Kreuzflügel Eckpfeiler als Träger des Gewölbes vom Fuss- 
boden bis zu dem letzteren emporlaufen, die es aufs Bestimmteste darthun, 
dass das Gebäude schon vom Beginn an für eine Ueberwölbung angelegt 
worden. Sollen wir nun etwa so conjccturiren, dass man ursprünglich 
Zwar ein Gewölbe beabsichtigt, dass man dann aber davon abgegangen sei 
und disharmonischer Weise eine Holzdecke eingezogen habe, dass man 
hernach aber doch wieder auf die erste Idee zurückgegangen sei, die be- 
malte Decke herausgebrochen und statt deren endlich das Gewölbe einge- 
setzt habe? So künstliche Schlussfolgerungen dürfte man doch nur auf 
den Grund dringendster Indicien wagen. Wir haben also auch hier we- 
nigstens die höchste Wahrscheinlichkeit, dass das Gebäude jünger sei, als 
der Anfang des zwölften Jahrhunderts. 
Endlich ist noch zu bemerken, dass allerdings die architektonischen 
Details an den betreffenden Theilen des Merseburger Domes nur äusserst 
sparsam angewandt und die vorkommenden höchst einfach gebildet sind, 
dass es aber doch auch unter ihnen nicht ganz an charakteristischen Merk- 
malen fehlt. Die Pfeilervorlagen nämlich, welche die grossen Scheidbögen 
in dem mittleren Quadrat des Querschiffes tragen, sind unterwärts abge- 
Stumpft (was man in Puttrichs Darstellungen nicht sieht). Die Abschrä- 
gllngen sind auf verschiedene Weise gegliedert, und die eine dieser Glie- 
derungen, die am reichsten zusammengesetzte, entspricht in der That nur 
denjenigen Profilirtmgen, die wir sonst nur in der letzten Spätzeit des 
romanischen Baustyles finden.  Nehmen wir alle diese Gründe zusam- 
men, so ist hier in jeder Beziehung die grösste Wahrscheinlichkeit, und 
für den, der die Monumente unter einem umfassenderen Gesichtspunkte 
betrachtet, in der That eine dringende Nöthigung vorhanden, die betref- 
fenden Bautheile wiederum derselben Periode. d. h. wiederum der Spätlßii 
des romanischen Styles, zuzuschreiben. Zugleich aber ergiebt sich aus 
dem Vorgesagten, dass der Dom von Merseburg, was seine alt-spitzbßgigen 
Kugler, Kleine Sohrißenall. 30
        

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