Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496482
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Berichte und Kritiken. 
mehr oder weniger frühe Beispiele. Es liegt in der Natur der Sache, dass 
eine solche Sinnesrichtung bei dem Ausgange der romanischen Periode, in 
einer Zeit, da gerade in dieser Gegend eine äusserst lebhafte Bauthätigkeit 
erwachte, auf mancherlei Abwege führen und dadurch jenes barocke Wesen 
begründen musste. In den sächsisch-thüringischen Gegenden aber sehen 
wir in der ganzen Periode des romanischen Styles Nichts der Art, wenig- 
stens nicht vorherrschend; die ganze Gefühlsweise ist hier von Hause aus 
schlichter und klarer; es war somit auch keine namhafte Gelegenheit zu 
ähnlichen Ausartungen gegeben. 
Nicht die architektonische Composition ist es, worin die wesentlichsten 
historischen Unterschiede in der Architektur beruhen, sondern vielmehr 
die Bildung der Details, die Art und Weise,. wie sich in ihnen (freilich 
nach Maassgabe der Gesammt-Composition und in Bezug auf die Verhält- 
nisse derselben) das architektonische Lebensgefühl entwickelt. Ich erinnere 
hier an das, was ich bereits oben über die Bedeutung des architektonischen 
Details gesagt habe. Der Vergleich mit der Sprache, auf den ich schon 
oben hingedeutet, dient auch hier, die Sache wesentlich klar zu machen; 
denn die Architektur ist recht eigentlich eine Sprache, die des räumlichen 
Gefühles, und sie hat als solche zugleich den Vorzug, dass sie Jedem ver- 
ständlich ist, der seinen Sinn für sie öffnet. Nicht der Aufbau dieses 
oderjenes Dichtwerkes bestimmt dessen Zeit, sondern die Weise des sprach- 
lichen Ausdrucks, die grammatische Fügung der Worte. Die Lieder von 
Siegfried und Chrimhild sind Jahrhunderte hindurch gesungen; die Sp raeh e 
des Nibelungenliedes charakterisirt die Zeit, aus welcher das Gedicht in 
seiner gegenwärtigen Gestalt herrührt. Freilich müssen wir es zugeben, 
dass auch in diesen Verhältnissen, was den Fortschritt der Entwickelung 
anbetrifft, lokale Unterschiede statt finden können; an dem einen Orte wird 
man dem Gange der Zeit voranschreiten, an dem andern wird man hinter 
ihm zurückbleiben. Aber diese Unterschiede können dennoch keine wesent- 
liche Bedeutung haben; es kann sich bei ihnen im Allgemeinen wohl um 
Jahrzehnte, nicht um Jahrhunderte handeln. Die Architektur, wie die 
Sprache, hat in ihrem Innersten ein tief bedeutsames, ein ethisches Moment, 
 sie hatte es wenigstens, so lange sie volksthümlich war; sie hat es 
selbst noch heute, wenn auch verborgen, in Mitten ihrer gelehrt conventio- 
nellen Ausübung. Die Architektur ist den Menschen, den Völkern ursprüng- 
lich angeboren, nicht angelernt, und wo sie Fremdes sich aneignen, ver- 
wandeln sie dasselbe dennoch alsbald in ihr selbständiges geistiges Eigen- 
thum. Sie ist der Ausdruck des Formensinnes, des Gesichtsvermögens, 
welches der bestimmten Zeit wie dem bestimmten Volke eigen ist; und 
wie die ganze geistige Bildung der Völker vorsehreitet, wie Sprache und 
Sitte und Leben sich klarer, zusammenhängender, organischer gestalten, so 
entwickelt sich gleichmässig auch ihr Sinn für den Organismus der Archi- 
tektur,  für das architektonische Detail. 
Das Letztere also haben wir vorzugsweise, mehr als die äussere Com- 
position, in's Auge zu fassen, wenn es sich um architekturhistorische Unter- 
suchungen handelt. Kehren wir mit solcher Ansicht zu den älteren Theilen 
des Naumburger Domes zurück, so finden wir allerdings zwar keinen Ueber- 
tluss an architektonischen Details, vielmehr in dem Ganzen vorherrschend 
jene Klarheit und Ruhe, die ich vorhin als allgemeine Eigenthürnlichkeit 
der betreffenden Bauwerke jener Gegend bezeichnete; die gcsammten Bogen- 
wölbungell des Innern sind besonders noch schlicht und einfach gehalten-
        

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