Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496468
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Berichte und Kritiken. 
gestehen, es ist fast betrübend, in einer sonst so gehaltreichen und ver- 
dienstlichen Schrift eine Voraussetzung auf's Neue auftauchen zu sehen, 
deren gänzliche Willkürlichkeit und Unstatthaftigkeit nach den neueren 
Forschungen auf's Vollkomrnenste zu Tage liegt und die wir schon als 
völlig antiquirt betrachten zu dürfen glaubten. Einflüsse italienischer Kunst 
auf die deutsche, wenigstens Einflüsse von irgend erheblicher und durch- 
greifender Bedeutung sind im Laufe des Mittelalters durchaus nicht nach- 
zuweisen, vielmehr nur das Gegentheil; sie beginnen erst mit der modernen 
Entwickelung der Kunst und bilden erst von dieser Zeit ab eine Tradition, 
die man geraume Frist und zur sehr geringen Ehre unserer Vaterländischen 
Geschichte irrthümlich auch auf die ältere Zeit anzuwenden liebte. Herr 
L. behauptet, in der Lombardei seien die Typen der altchristlichen Bau- 
kunst zuerst verlassen und statt ihrer das System der gewölbten Basilika 
eingeführt; er citirt dazu mein Handbuch der Kunstgeschichte, wo ich 
Aehnliches aber lediglich nur in Bezug auf italienische Verhältnisse aus- 
gesprochen habe. Herr L. stellt ferner als Hauptbeispiel die Kirche S. 
Micchele zu Pavia auf, deren willkürlich vorausgesetztes frühes Alter 
schon so viel Verwirrung in der Kunstgeschichte angerichtet hat, obgleich 
diese Fiktion schon längst durch Cordero 1) in ihrer ganzen Haltlosigkeit 
dargestellt ist. Und abgesehen hievon, wie wäre es irgend denkbar, dass 
aus der plumpen Schwerfälligkeit dieser Kirche und andrer lombardischen 
Kirchen, die notorisch nicht direkt in den Schluss der Periode des roma- 
nischen Styles fallen, eine so eigenthümliche, edle und anmuthvolle Aus- 
bildung der Architektur hervorgegangen wäre, wie sich diese am Naum- 
hurger Dome und den ihm verwandten kirchlichen Gebäuden Deutsch- 
lands zeigt? 
1) "Ragionamento del1' italiana Architettura durante la. dominazione Longo- 
barda." Die wichtigsten Stellen dieser Schrift, die sich auf die Kirche S. Micchele 
beziehen, habe ich in der Uebersetzung im „Museum, Blätter für bildende Kunst," 
1834, N0. 6 f. bereits dem deutschen Publikum vorgelegt. (K1. Schriften, L, S. 203.) 
Herr L. citirt für die Kirche S. Micchele die Notizen, die sich über sie bei 
Serradifalco-(del duomo di Monreale p. 79, nr. 10) finden. Serradifalco hat diese 
Notizen oßenbar aus Cordero entlehnt und giebt die Ansichten des letzteren 
wenigstens halb und halb zu; er hütet sich zwar, an dieser Stelle Corderds 
Namen zu nennen, bezieht sich aber auf ihn gleich in den folgenden Anmer- 
kungen. Herr L. behauptet in Bezug auf diese Notizen, die Kirche S. Micchele 
müsse unbedenklich mindestens in den Anfang des llten Jahrhunderts gehören; 
die Gründe ist er schuldig geblieben. Cordero entwickelt seine Ansicht, derzu- 
folge die Kirche in den Schluss des 11ten Jahrhunderts falle, mit Ausführlich- 
keit und Umsicht. Noch ist hier eines neuesten Werkes zu gedenken, welches 
derselben einige grosse bildliche Darstellungen und erläuternden Text widmet: 
"H. Gally Knight, the ecelesiastical architecture of Iialy from the time of Con- 
stantine to the tlfteenth century, London 1842." Gally Knight bleibt bei der 
alten abenteuerlichen Fiktion stehen, die die Kirche der Zeit der Longobarden- 
herrsßhaft, und zwar dem 7ten Jahrhundert zusehreibt. Er kennt die Ansich- 
tßll COTÜSWS, führt dessen Gründe jedoch in höchst oberflächlicher, zusammen- 
11311181059! Weise auf und bekämpft sie mit noch grösserer Oberflächlichkeit. Zur 
nähßrßll Begründung seiner eigenen Ansicht bringt er durchaus nichts Neues bei. 
Er nennt zwar nicht Gordero, sondern den Grafen San Qiiintiuo als den Urheber 
der von ihm bestrittenen Ansichten, doch sieht man, dass es sich ganz um die- 
selben Pullktß handelt. Ich weiss nicht, ob etwa Cordero und Sau Quintino 
dieselbe Pßfson 50111 mögen.
        

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