Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496441
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Berichte und Kritiken. 
winnen dadurch für die Periode des frühgerrnanischen Styles in Deutsch- 
land einen bedeutsamen Anknüpfungspunkt mehr 1). Es ist aber in Frage 
zu stellen, ob die älteren Theile des Domgebätides noch seiner ersten 
Gründung im 11ten Jahrhundert, oder ob sie einer Erneuung aus der spä- 
teren Zeit des romanischen Styles (d. h. etwa dem Anfange des l3ten Jahr- 
hunderts, worüber jedoch kein bestimmtes historisches Datum vorhanden 
ist) angehören. Herr Lepsius entscheidet sich für die erstere Annahme 
und bekämpft die zweite, die von mir in meinem Handbuche der Kunst- 
geschichte aufgestellt ist. Es handelt sich bei diesem Streit aber keines- 
wegs um lokale Interessen, d. h. um den Naumburger Dom allein; es han- 
delt sich zugleich, worauf auch Herr L. eingeht, um einen grossen Cyklus 
von Gebäuden, die mit den älteren Bautheilen des Naumburger Domes 
übereinstimmen und deren grössere Zahl sich in den Gegenden des mittle- 
ren Deutschlands vortindet; und es handelt sich, unter einem noch umfas- 
senderen Gesichtspunkte, überhaupt darum, ob wir jene eigenthümliehe 
Ausbildung des künstlerischen Sinnes, die sich in diesen Gebäuden kund 
giebt, bereits der Frühzeit des llten Jahrhunderts zuschreiben dürfen 
Ich habe diesen Streit schon einmal, im Kunstblatt 1842, Nr. '73, gegen 
den Sohn des Herrn Geh. Raths Lepsius, Herrn Dr. G. R. L., durchgefoch- 
ten; ich erlaube mir, um das schon Gesagte nicht zu wiederholen, darauf 
zurück zu verweisen. Ich werde hier nur die besonderu Gründe, die Herr 
Geh. Rath L. aufführt, in's Auge fassen. Der Text d'es letzteren war ohne 
Zweifel bereits gedruckt, als die genannte Nummer des Kunstblattes er- 
schien; eine Bezugnahme von seiner Seite auf diese findet also nicht statt. 
Die Gründe, die Herr Geh. Rath Lepsius für seine Ansicht vorführt, 
bestehen zunächst im Wesentlichen darin, dass bei den zahlreichen Urkun- 
den zur Geschichte des Naumburger Domkapitels und namentlich bei der 
grossen Anzahl von Nachrichten, die uns aus der ersten Hälfte des 13ten 
Jahrhunderts vorliegen. weder von einer gewaltsamen Zerstörung oder Be- 
Schädigung des alten Gebäudes die Rede sei, noch direkt von den Anstal- 
ten für einen Neubau gesprochen werde, noch Etwas über eine neue Ein- 
richtung desselben bekannt sei. Ich gebe sehr gern zu, dass dies, wenn 
man meiner Ansicht folgt, auffällig erscheinen muss; ich kann aber nicht 
einsehen, dass dadurch die Unstatthaftigkeit der letzteren sofort erwie- 
sen sei. Die Beispiele, dass uns in der Kunstgeschichte die urkundlichen 
Nachrichten verlassen, kommen zu häufig, und in den evidentesten Fällen, 
vor, als dass wir nicht auch die Möglichkeit dieses Falles hier, trotz 
aller entgegenstehenden Bedenken, anzunehmen berechtigt wären. Liegt 
doch auch für den Neubau des östlichen Ghores am Naumburger Dome 
(im 14ten Jahrhundert) und für die neue Einweihung desselben, die jeden- 
1) Ein sehr erfahrener Freund des Unterzeichneten, der aber den Beginn 
der germanischen (gothischen) Bauweise in Deutschland möglichst spät zu setzen 
116W, behauptete, die Urkunde vom Jahr 1249 müsse nothwendiger Weise auf 
das, noch im romanischen Styl aufgeführte Schiä der Kirche bezogen werden. 
Dem kann ich jedoch auf keine Weise beistimmen. Die ganze Fassung der 
Urkunde widerspricht dieser Ansicht ebenso, wie unsere seitherigen Ergebnisse in 
der kunsthistorischen Forschung. Wohl kein romanisches Gebäude in Deutschland, 
von dem Wir ein sicheres Datum haben, reicht, riieksichtlich seiner Gründung, 
bis in (W956 Zeit herab, während wir gleichzeitig sichere Daten über die erste 
Aufnahme des Eßfmanischen Styles bereits in genügender Anzahl, z. B. in dem 
Ohore der Kirche des, Naumburg benachbarten Schulpforta, besitzen.
        

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