Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496292
Geschichte 
der bildenden Künste. 
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Gegenstand der Sculptur und Malerei ausmacht. Das Werk der Architek; 
tur ist aber kein leeres Abstractum, es ist vielmehr ein concret Lebendi_ 
ges; es verlangt Gliederung, Organismus zur Entwickelung des Lebens- 
processes. -Auch seine Einzeltheile sind mithin belebt und organisirt (wenn 
schon, wie das Ganze, in verschiedenem Maasse, je nach den Stufen der 
Entwickelung); aber diese Einzeltheile können nicht selbständige Indivi- 
duen sein, weil dann eben die Freiheit des Individuums jenes allgemeine 
Gesetz aufheben würde. Ich möchte aber sagen: es ist in diesem Leben, 
in dieser Organisation der Einzeltheile ein Streben nach dem Individuel- 
len, das immer mächtiger wird, je höher die Stufe der Ausbildung des 
Ganzen geht; und die Unmöglichkeit, dies Streben zu erfüllen, vermählt 
der unbedingten Consequenz des architektonischen Werkes, die eben auch 
mit jedem Schritt höherer Entwickelung zunehmen muss, einen elegischen 
Hauch, einen Ausdruck von Sehnsucht, der unser persönliches Mitgefühl 
näher, als es ohnedies der Fall sein könnte, in Anspruch nimmt. Zur 
Lösung dieser Sehnsucht verlangt denn auch das architektonische Werk das 
Hinzutreten wirklich individueller Gestaltung, die Verbindung mit Werken 
der Sculptur oder Malerei.  Diese ganze Auffassung der Architektur ist 
übrigens auch Hrn. S. nicht fremd, wenn schon sie bei ihm nicht im Vor- 
grunde steht und von ihm nicht als die eigentliche Grundbestimmung an- 
genommen ist. Er entwickelt (S. 58) auf vortreffliche Weise die Ueberein- 
Stimmung des Geistes der Architektur mit den "allgemeinen Geistern der 
Jahrhunderte und Völker", mit den allgemeinen Lebensäusserungen "in 
der Religion, im Staate und im. Rechte", wobei mir freilich die Bezug- 
nahme auf die Bestimmungen der "unorganischen Natur" wieder störend 
erscheint. Meine Auffassung der Architektur scheint mir mit diesen grossen 
Beziehungen des volksthümlichen Lebens im unmittelbaren Einklange zu 
stehen. 
Es liegt endlich in der Natur der Sache, dass die Art und Weise, wie 
man die Architektur auffasst, nicht bloss auf die Betrachtung dieser Kunst 
an sich und ihrer historischen Entwickelung, sondern auch auf die Be- 
trachtung der Sculptur und Malerei einen nicht unwesentlichen Einfluss 
ausüben muss. Wie in der Architektur ein Streben nach dem Individuel- 
len sichtbar wird, so umgekehrt in den individualisirenden Künsten ein 
Streben nach dem Allgemeinen, nach dem durchgehend Gesetzlichen und 
Unbedingten,  ein architektonisches Element. Die Auffassung des letz- 
teren muss somit noch mancherlei andre, mehr oder weniger bedeutende 
Differenzen hervorrufen. Dahin zähle ich z. B. was der Verfasser (S. 61) 
über die Bekleidung der Gestalten in der Sculptilr und über ihre Unpass- 
lichkeit sagt. Die Sculptur wolle das ganze Leben des Menschen darstellen; 
der todte Stoff einer Bekleidung, die nicht den Körper durchblicken lasse, 
sei daher- nicht ihr Gegenstand. Ich kann dies nicht so unbedingt unter- 
schreiben; die Bekleidung, auch die leichteste, würde nach dieser Auffas- 
sung immer ein Uebel bleiben. Ich möchte geradezu sagen: die Verbin- 
dung des Gewandes mit dem Körper vermählt mit dem Grundelemente des 
Individuellen ein allgemeines, ein architektonisches Element. Es ist ein 
architektonischer Rhythmus, der sich in der Linienführung des Gewandes 
ankündigt, der aber bedingt oder motivirt wird durch die individuelle 
Körperform. Ein wirkliches Durchblickenlassen der Körperform führt nur 
zu häufig zur Affcctation: sie grebt vielmehr, wenn ich so sagen darf, nur 
den Anstoss für die Bewegung des Gewandes, die sich sodann, von diesem
        

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