Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496281
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Berichte und Kritiken. 
weniger abgetheilte, mehr oder weniger dekorirte Masse. Schon auf der 
nächstfolgenden Entwickelungsstufe äussert sich auch hier das Gesetz einer 
"inwohnenden Lebenskraft", welches mit jenen Gesetzen der unorganischen 
Natur, mit den Geboten der Schwere und Cohärenz, in den Kampf tritt, 
dieselben zu überwinden trachtet und solcher Gestalt eine organische 
Entwickelung einleitet. Die Folge dieses Processes ist eine Reihe von 
Organismen, die eine stets höhere Stufe der Ausbildung einnehmen: noch 
sehr mangelhaft in der ägyptischen oder indischen Architektur, auf welche 
dann die Stufe der griechischen und noch später die der mittelalterlichen 
Architektur folgt. Der Verfasser sagt (S. 69), während in der Sculptur der 
Gegenstand in sich völlig einig, jedes Glied vom Ganzen untrennbar und 
durch ein Naturgesetz damit verbunden sei, erscheinen in der Architektur 
(wie in der Malerei) die Theile mehr gesondert: die einzelne Säule sei 
nicht so nothwendig an ihrer Stelle, wie Arm oder Fuss an der Statue. 
Auch dies ist richtig, aber eben nur von den architektonischen Organis- 
men niederer Ordnung, wo nemlich zwischen der Säule und dem Architrav 
keine innige Verbindung stattfinden kann; wo aber, in der höheren Ord- 
nung, der Bogen an die Stelle des Architravs tritt, wo der Bogenbau sich 
zu seiner reinen Cousequenz durchgebildet hat (wie z. B. in den Meister- 
werken der deutschgothisehen Architektur um das J. 1300), da ist in der 
That die Säule (oder der Pfeiler  oder welchen Theil man sonst nehmen 
wolle) so wenig aus der Stelle zu rücken, wie ein Glied an dem mensch- 
liehen Körper. Der Verfasser verfehlt nicht, wie zu erwarten stand, seine 
Theorie auf geistvolle Weise durchzuführen; es liegt aber in der Natur 
der Sache, dass ihn das Ungenügende seines Princips mehrfach in Wider- 
sprueh mit sich selbst bringen musste. So sagt er z. B. (S. 424) sehr richtig 
zur ausschliesslichen Charakteristik der ägyptischen Architektur, dass ihr 
Werk weit entfernt sei, dem organischen Körper zu gleichen, dass die 
einzelnen Theile desselben, an sich zwar fertig, nur durch ein loses in- 
neres Band aneinandergehalten würden. Hierin liegt doch wohl das Be- 
kenntniss eingeschlossen, dass es bei andern Architekturwerken sich anders 
verhalte. Ja, S. 70, bei einem Vergleich zwischen Malerei und Architek- 
tur, heisst es: in der Malerei habe das Einzelne nicht mehr (wie in der 
Architektur) die Gestalt des Leblosen; das Leben der Architektur sei Ge- 
sammtleben, mit Ausschluss des Einzellebens, während das Gesammtleben 
der Malerei vielmehr auf der Lebensfülle des Einzelnen beruhe. Hier 
wird dem architektonischen Werke im Ganzen Leben zugestanden und 
doch zugleich den Einzelheiten desselben abgesprochen; aus todten Einzel- 
heiten kann aber doch  dies liegt in der Natur der Sache  kein be- 
lebtes Ganzes entstehen; und Leben ohne Organismus, d. h. ohne eine 
Gliederung in belebte Theile, ist undenkbar, wenn schon wir die verschie- 
densten Stufen von Gliederung und Organisation, mithin von {lebensfähig- 
keit, annehmen können und müssen. 
Das eben angeführte Wort des Verfassers, das Leben der Architektur 
sei Gesammtleben, scheint rnir indess sehr entschieden den richtigen 
Weg zum Verständniss des Wesens der Architekur anzudeuten. Das Werk 
der Afßhiiekfur bildet den Ausdruck, oder besser: die Darstellung allge- 
meinen Lebens, allgemeiner Kräfte, allgemeiner Beziehungen und Verhält- 
nisse, allgemeiner Gesetze. Es vergegenwärtigt uns das Nothwendige, das 
Herrschende, und wenn man will: das Rechte, im Gegensatz gegen die 
Freiheit, die Willkür, die Zufalligkeit des Individuellen, welches den
        

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