Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1496111
Bartholomäus 
Zeitbloom. 
Heidelberg. 
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rechtes körperliches Gefühl vorhanden; die Hände sind durchgehend un- 
verhältnissmässig klein. Der Gewandstyl ist einfach scharfgeschnitten, die 
Modellirung schlicht, im Farbenton. Auch bei den Köpfen ist die Plastik 
nicht sonderlich bedeutend, namentlich bei den zu Dreivierteln von vorn 
gesehenen, bei denen sich manche Mängel in der Modellirung finden. 
Höchst merkwürdig aber ist die Carnatiou und deren Durchbildung in den 
Schatten; hier spricht sich der entschiedenste und ein sehr glücklicher 
Farbensinn aus, dessen Elemente ganz auf den Grundlagen der venetiani- 
scheu Carnation beruhen. Es ist ein weicher warmer Schmelz, auf grün- 
lichem Grundton, von dem Verblasenen der Kölner Schule wesentlich 
verschieden und, ich möchte sagen: in der Präcision der Farbe eben 
der venetianiscben Weise (um 1500) viel näher stehend. Bildung- und 
Ausdruck der Köpfe sind aber durchaus eigen; es ist weder ideale Sehn- 
sucht, Schwärmerei oder dergL, noch eine nüchtern. inhaltlose Realität 
darin, vielmehr ein gewisser treuer, deutscher Ernst, der allerdings aber 
doch schon ein Etwas von ruhig rationalistischer Weise in sich trägt. 
Die Brustbilder der vier Kircbenlehrer. Auch hier, ist das Figürliche 
mangelhaft, besonders was die zu kleinen Hände anbetrifft; zugleich aber 
erscheint die eigenthümliche Richtung des Meisters hier in höchster Voll- 
endung. Schon das Allgemeine der Färbung, in Gewändern u. dergL, ist 
vortrefflich, voll und tief, fast wie bei den flandrischen Meistern: die Car- 
nation ist höchst ausgebildet. I-lier ist auch in den Köpfen eine meist 
sehr gediegene Modellirung.  
H e i d e l b e r g. 
Die Architektur des Schlosses, auch in den wundervoll malerischen 
Ruinen noch so wohl erhalten und eben als Ruine wenigstens vor will- 
kürlichen Veränderungen und Entstellungen geschützt, verlangt noch ihre 
näher eingehende ästhetische Würdigung. Die Geschichte der Baukunst 
in Deutschland, wie die der dekorativen Sculptur, besonders für die im 
löten und 17ten Jahrhundert stattfindende Nachbildung und Umbildung 
der modern italienischen Formen, wird dadurch schätzbare Materialien ge- 
winnen. Für diesmal nur eine flüchtige Notiz, zur Orientirung über das 
Verhältniss des Wichtigsten. Der östliche Flügel, der sogenannte Otto- 
Heinrichsbau (1556-1559) zeigt an seiner reichen Facade, wie an mannig- 
fachen Räumen und namentlich Portalen des Inneren, überall eine archi- 
tektonische Compositiou von eigenthümlicher Eleganz, als solche etwa der 
geschmackvollen lombardischen Architektur der Zeit um 1500 vergleichbar. 
Dies gilt aber nur von der Gesammtfassung, während in der Ausbildung 
des Einzelnen sich schon sehr barocke Elemente bemerklich machen, auch 
die Sculptur der Ornamente, die doch eine plastische Wirkung erstreben, 
flach und zumeist etwas schlaff erscheint. So haben auch die zahlreichen 
mythischen und allegorischen Statuen an der Facade dieses Flügels keine 
recht selbständige künstlerische Bedeutung. Das Hauptstück des nördlichen 
Schlossflügels, der Friedrichsbau (1601-1607) ist ungleich schwerfälliger 
in der architektonischen Composition und von vornherein auf den Eindruck 
einer imponirend barocken Pracht angelegt. Dabei aber ist hier die ornamen- 
tistische Sculptur ungleich tüchtiger,  durchweg mehr in jener cartuuchen- 
artigen Ausbildung, die für das 17te Jahrhundert bezeichnend wird und in 
welcher die im Ornament des vorigen Flügels bemerkliche flache Behand- 
lungsweisc ihre bei Weitem angcmessnere Anwendung findet. Auch die
        

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