Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1495869
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Berichts und Kritiken. 
Herkulanum und Pompeji an, sowie die Construktionen des griechischen 
und des römischen Theaters nach Vitruv's Vorschriften und die vollständig 
restaurirten Grundrisse eines griechischen und eines römischen Theaters, 
nach den Resultaten, zu denen der Verf. durch seine selbständigen For- 
schungen gelangt ist. Der Unterschied des griechischen und des römi- 
schen Theaters, der schon nach Vitruvls Angaben als ein sehr erheblicher 
erscheint, tritt bei einer übersichtlichen und sorgfältig kritischen Betrach- 
tung der vorhandenen Reste noch ungleich bedeutender hervor, als man 
seither vorausgesetzt hat; diesen Punkt, der für die ganze Auffassung der 
griechischen Bühne von so schlagender und einflussreicher Bedeutung ist, 
in ein helleres Licht gesetzt zu haben, möchte ich als das wesentlichste 
Verdienst des vorliegenden Werkes bezeichnen. Nicht die Benutzung der 
Orchestra zu Sitzplätzen, nicht die Aufführung des Zuschauerlokales über 
gewölbten Räumen  was bei den Römern durchgehend gefunden wird  
ist als das vorzüglichst charakteristische Moment dieses Unterschiedes zu 
bezeichnen. Derselbe besteht vor allen Dingen in dem gänzlich abweichen- 
den Verhältniss des Scenengebäudes zu dem Lokale der Zuschauer. Wäh- 
rend Beides bei den Römern durchweg ein zusammenhängendes Ganzes 
bildet, sind es bei den Griechen überall zwei von einander gänzlich ge- 
trennte Lokalitäten; ein breiter Weg führt hier zwischen der Scene und 
dem Zuschauerraume über die Orchestra hinweg, und nur leichte Thore 
oder Thorgitter zum Abschluss dieses Weges, die zwischen beiden Lokali- 
täten eingefügt sind, leiten räumlich von dem Einen auf das Andre über. 
So gering auch die Ueberreste der griechischen Scenengebäude sind; so 
ergiebt sich doch überall, wo nur irgend Fragmente derselben sich erhal- 
ten haben, diese Einrichtung mit voller Bestimmtheit, und wo (wie bei 
einigen sicilischen Theatern) das entgegengesetzte Verhältniss erscheint, da 
zeigen es die unzweideutigsten, technischen oder stylistischen Kennzeichen, 
dass hier ein späterer Umbau für römische Zwecke vorgenommen ist. Ja, 
das griechische Scenengebäude hat fast durchgehend eine so geringe Breite 
(wenig über den Durchmesser der Orchestra), dass man zu dessen Seiten 
 wie von den oberen Stufen natürlich auch über dasselbe hinweg  in 
die freie Landschaft hinausblickte. Bei solcher Einrichtung, so fremd- 
artig sie uns für den ersten Blick bedünken mag, fühlt man sich doch, 
wenn man sich etwas näher mit ihr vertraut macht, alsbald recht in die 
innerste Eigenthümlichkeit des griechischen Geistes versetzt; die dramati- 
sche Handlung flieht sich, so naiv wie wirkungsreich, dem Leben der 
Gegenwart ein; die Orchestra, wo der Chor seinen Reigen tanzt, ist in 
der That ein öffentlicher Platz, und ihre breiten Zugänge zu den Seiten, 
durch welche die festlichen Züge eintreten und abgehen, verbinden sie 
unmittelbar mit dem Treiben, welches draussen stattfindet. So erscheint 
es auch nicht minder natürlich, wie das Theater zugleich, wenn die seltne 
Zeit der Schauspiele vorüber war, förmlich als ein Lokal für die ver- 
schiedenstenf Zwecke des öffentlichen Lebens, für Volksversammlungen, für 
Handel und Wandel mancherlei Art dienen konnte. Der Verf. hat dies 
Alles durch einige Ansichten restaurirter Theater, deren Aufbau ganz den 
Bedingnissen des griechischen Styles gemäss gehalten ist, näher veran- 
schaulicht. 
Die Ansichten bestehen aus trefflich lithographirten und mit Thon- 
plattell gedruckten Blättern. Es sind: das Theater zu Egesta, mit dem 
Blick von den oberen Stufen des Zuschauerraumes auf das Scenengebäude,
        

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