Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1495783
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Kritiken . 
Berichte und 
tracht vernachlässigt worden. Auch war es gar nicht die Absicht und 
konnte nicht die Absicht sein, die Nordseite zur Schauseite zu machen, 
was hingegen bei der Südseite sehr entschieden der Fall ist. Gründe ge- 
nug, um an der ungünstig belegenen Nordseite eine Anomalie zu erklären, 
die ohne Zweifel durch irgend ein äusserliches Bedürfniss veranlasst war, 
deren Wiederholung an der ungleich wichtigeren Südseite anzunehmen 
indess kein genügender Grund Vorhanden ist   
Ich kann ferner nicht umhin, über den Mittelthurm, in der Durch- 
schneidung von Lang- und Querschiff, einige abweichende Ansichten aus- 
zusprechen. Für's Erste scheint mir die Nothwendigkeit seinenganzen 
Existenz, die der Verfasser als unbedingt annimmt, in Frage zu stehen; 
wenigstens haben wir keineswegs hinreichende Autoritäten dafür, und die, 
welche der Verfasser anführt, scheinen mir nicht umfassend genug. Dass 
ein solcher- Thurm sehr häufig an den Bauwerken des romanischen (soge- 
nannt byzantinischen) Styles vorkommt, ist bekannt 2), so auch, dass e; 
an den normannischen Gebäuden dieser Epoche, besonders in England, 
sehr vorherrschend erscheint; aber der architektonische Organismus des 
gothischen Styles, und vor allen Dingen der Organismus seiner Aussenfor- 
men, ist von dem des romanischen so wesentlich unterschieden, dass eine 
Einrichtung des letzteren für jenen nicht maassgebend sein kann. Dies. em- 
ptindet man auch sehr deutlich, wo dennoch romanische Anlage auf das 
Gothische übergetragen ist,  was aber natürlich nur da stattfindet, wo 
überhaupt der gothische Baustyl sich minder rein entwickelt hat. So na- 
mentlich in England; hier erscheint in der That ein vorherrschender Mit- 
telthurm, wie bei romanischen, so auch bei gothischen Gebäuden, aber er 
steht auch durchweg ganz unvermittelt in dem Organismus des Uebrigen, 
unförmlich in seiner Gesammtmasse, schwer und lastend da. Die Beispiele 
dafür sind höchst zahlreich; es möge genügen, als frühgothische Gebäude 
l) Ich füge hier eine Notiz aus meinen Reisetagebüchern vom Jahre 1843 
hinzu. 
Auf der Nordseite hat sich, nach dem Abbruch der Kirche zum Pesch, von 
der alten Anlage des Giebelbaues noch das vollständige Basament und (auf der 
östlichen Ecke) auch ein Theil der Gewände des östlichen Portales vorgefunden. 
Das Ganze war auf drei Portale angelegt. Doch gehören diese Stücke unbe- 
denklich einer späteren Bauzeit als die wesentlichen Theile des Gebäudes an. 
Die ganze Goniposition und Zusammensetzung der Gliederungen ist bereits matt 
und entbehrt der energischen Fülle, der grossartigcren und kräftigeren Theilung, 
die in ähnlichen Fällen an andern Theilen des Gebäudes, namentlich an dem 
Portal der Westseite, überall erscheint. Auch die Ausarbeitung der Glieder hat 
nicht die genügende Kraft; sie sind stumpfer und schwächer. Ausserdem ist als 
ein besonders gewichtiger Umstand für das spätere Alter dieses Baustücks her- 
vorzuheben: dass nicht, dem sonst an dem ganzen Gebäude befolgten System 
entsprechend, je ein stärkerer Strebepfeiler im rechten Winkel zwischen den 
Portalen aus der Giebeltläche vertreten sollte, sondern dass, bei tlacherer Hal- 
tung der letzteren, deren je zwei schwächere, in schräger Richtung stehende 
angeordnet sind, deren Aufbau nicht bloss die Energie und Harmonie des Gan- 
zen beeinträchtigt, sondern auch, in der Auflösung des Strebesystems nach oben 
hin, eine Schwache und matte Wirkung hervorgebracht haben würde. 
2] Dahin 89115112, der Anlage nach, auch der östliche Mittelthurm an dem 
Dome von Mainz, den der Verfasser unter den Beispielen gothischer Mittel- 
thürme anfiihrt. Nur die, allerdings vorherrschende, Fensterarchitektur dieses 
Thurmes ist gothisch, während sein Unterthei], zunächst über den Dächern, noch 
die charakteristisch romanischen Formen hat.
        

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