Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1495714
Alterthümer von J onien. 
383 
Antiquities 
of Jonia, published by the society 
Part the third. London, 1840. 
(Kunstblatt 1842, N0. 76.) 
of 
dilettanti. 
Von dem allgemein bekannten grossartigen Werk der „Alterthümer 
von Jonien" ist, nach langer Unterbrechung, kürzlich ein neuer Band, der 
dritte, erschienen. Die Ausstattung desselben ist eben so glänzend, wie 
die der frühern Theile, und wie wir es überhaupt bei den Werken der 
Engländer, welche das classische Alterthum behandeln, gewohnt sind. Die 
darin enthaltenen Mittheilungen geben uns manch eine, theils neue, theils 
doch erweiterte Anschauung in Bezug auf die Bildung des architektonischen 
Geschmacks in den ostgriechischen Landen; sie lassen es namentlich er- 
kennen, wie der eigentlich griechische Formensinn, im Gegensatz gegen 
den römischen, dort noch bis in die späteste Zeit des classischen Alter- 
thums wirksam blieb. Ohne auf die übrigen Erweiterungen der archäolo- 
gischen Wissenschaft, zu welchen die in diesem Bande niedergelegten Un- 
tersuchungen Anlass geben, näher einzugehen, wollen wir hier nur das 
Wichtigste in jenem Bezuge übersichtlich namhaft machen. 
Der erste Abschnitt des dritten Bandes ist den Alterthümern der Stadt 
Cnidus gewidmet und stellt dieselben auf 33 Kupfertafeln dar. Hier ist 
zunächst ein korinthischer Tempel, ein Prostylos Pseudoperipteros, zu be- 
merken, der aber, wie die zum Theil schweren Details verrathen, bereits 
einer verhältnissmässig spätern Zeit angehört. Der prachtvoll ornamentirte 
Fries ist convex gebildet. An den Seitenwänden des Tempels läuft zwi- 
schen den Kapitälen ein Akanthusornament hin, welches den Schmuck 
der letzteren friesartig fortsetzt.  Auf den Tempel folgt der aus zwei 
ionischen Säulen in antis bestehende Porticus einer Bäderanlage. Die 
Architektur dieses Porticus, der noch aus guter griechischer Zeit her- 
rührl, gewährt ein sehr eigenthümliehes Interesse. Die Säulen, zwar 
schon mit uncannelirten Schalten, zeichnen sich durch eine tretfliche 
ionische Basis aus. Die Anten haben eine attische, in griechisch clas- 
sischer Weise proülirte Basis und ein sehr merkwürdiges Kapitäl. Der 
Haupttheil des letztern besteht nämlich aus einer {lachen Kehle, die mit 
einem ungemein schönen, streng griechischen Ranken- und Blumenwerk 
von sehr eigener Composition geschmückt ist; darunter der gewöhnliche 
Hals des Antenkapitäls, mit zwei Rosetten verziert. Das Ganze dieser 
Kapitälzierde ist von sehr edlem, wohlgefälligem Eindruck und giebt wie- 
derum einen charakteristischen Beleg für die freie Beweglichkeit des grie- 
(Jhischen Geistes; es bildet das interessanteste Seitenstück zu den bekann- 
ten, auch in die heutige Kunst bereits mehrfach über-gegangenen Pilaster- 
kapitälen im Tempel des Apollo Didymäus bei Milet. Aehnlich trefflich 
ist die aus dem Porticus in die innern Räume führende I-Iauptthür; als 
ihr Seitenstück kann nur die, zwar reicher geschmückte Thür desrErech- 
lheums auf der athenischen Akropolis angeführt werden.  Eins der cni- 
dischen Theater ist wegen des erhaltenen Grundbaues des Scenengebäudes 
bemerkenswerth.  Eine sechssäulige dorische Halle, in welcher die Säu- 
len zwar ditriglyphisch stehen, hat im Ganzen noch (was sonst bei den 
asiatisch-dorischen Gebäuden selten ist) edle Bildung des Details und be- 
sonders der Kapitale.  Eine Zwelte ärosse dorische Halle bildet den
        

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