Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1495665
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Berichte und Kritiken. 
lebenden Almosengeber fortan im Gebete brüderlich und getreulieh zu 
gedenken. Hier ist also dreierlei zu unterscheiden: 1) die erste Grün- 
dung, 2) die Erbauung der Kirche durch die Nachkommen und 3) die be- 
vorstehende Vollendung des Baues. Das letztere betrifft unbedenklich 
den westlichen Chor; das zweite den Bau, zu welchem das noch vorhan- 
dene Kirchenschiff gehört, das nach den Ausdrücken des Briefes und nach 
meiner Ansicht jenem unmittelbar vorangegangen, d. h. erst in der frühe- 
ren Zeit des 13tcn Jahrhunderts ausgeführt ist. Hiemit stimmen auch ein 
Paar andre Urkunden im Archive des Domkapitels sehr wohl überein l). 
Nachdem nämlich im Jahr 1028 durch eine päpstliche Bulle die Verlegung 
des Bisthums von Zeitz nach Naumburg genehmigt und in den nächstfol- 
genden Jahren verschiedene Bestätigungsurkunden gegeben waren, nachdem 
dann aber, zwei Jahrhunderte hindurch, nichts der Art erfolgt war, findet 
sich, dass man im J. 1228 jene erste Bulle durch Papst Gregor IX. nicht 
nur hatte renoviren, sondern zugleich in einer besondern Bulle alle Besitz- 
thümer, alle Gattungen des Einkommens, alle Gerechtsame und Freiheiten 
sich auf's Sorgfältigste und Umständlichste hatte bestätigen lassen. Dies 
beweist wenigstens, dass man gerade in der Zeit, in welcher man nach 
meiner Ansicht für den Neubau der Kirche bedeutende Ausgaben zu ma- 
chen hatte. sehr eifrig darauf bedacht war, alle Mittel zusammenzuhalten. 
Ich will diese Bemerkungen indess noch keineswegs als einen directen 
Beweis für das Alter, welches ich dem Naumburger Dome zuschreibe, auf- 
stellen. Wo ein vollkommen genügender urkundlicher Beweis fehlt, ist es 
vor allen Dingen nöthig, auf die stylistisehen Eigenthümlichkeitcn des Bau- 
werkes einzugeheu und durch Vergleichung mit andern Gebäuden die Zeit, 
welcher dasselbe angehört, fester zu bestimmen. Diese vergleichende Kri- 
tik  die bei aller kunsthistorischen Forschung als die Hauptsache er- 
scheint  hätte Hr. L. nothwendig anstellen müssen, um der historischen 
Wahrscheinlichkeit (denn weiter gelangt er nicht, obgleich er dieselbe 
durchweg sofort als unbedingte Wahrheit annimmt) eine festere Basis zu 
geben. Doch dies ist eben die eigentlich schwache Seite seiner Schrift; 
ihm fehlt das Auge, um überhaupt Stylunterschiede, wenn sie nicht so auf- 
fallend sind wie der Unterschied des Romanischen und Gothischen, wahr- 
zunehmen; er geht sogar (S. 15) so weit, dass er die Stylunterschiede in 
den verschiedenen Entwickelungsphasen der romanischen Bauweise völlig 
läugnet, und dass er (S. 45) die Dome von Limburg an der Lahn und von 
Worms als einander ähnlich bezeichnet; dies letztere aber klingt so, als 
ob man das Englische und das Portugiesische für ähnliche Sprachen aus- 
geben wollte. (Römisches Element ist freilich in beiden Domen, aber auch 
nicht mehr als etwa in diesen beiden Sprachen.) Hätte Hr. L. jene Ver- 
gleiehungen unternommen, so würde er gefunden haben. dass die sichern 
Gebäude des 10ten und 11ten Jahrhunderts, wie die Stiftskirche von Gern- 
rode, die Schlosskirche von Quedlinburg, die Kirche von Huyseburg, die 
von Alpirsbach, die Kirchen St. Georg und Maria auf dem Capitol zu 
Köln _(die letztere in der Mitte des 11ten Jahrhunderts geweiht, der Ober- 
bau ihrer Chorpartie jedoch einer spätem Restauration angehörig), die 
Westseitß 1185 13011168 von Trier und so viele andere, durchweg noch strenge 
und sehr befangene Formen zeigen, und dass man an ihnen wahrnimmt. 
wie der Formensinn sich noch erst aus einer halbbarbarisehen Rohheit 
VI und VII. 
Ebendaa, Beilalge Nr.
        

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