Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1495526
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Berichte und Kritiken. 
sondern, der leichtern Uebersiehtlichkeit wegen, in ihrer historischen Folge. 
 Als das älteste und in diesem Betracht als ein überaus wichtiges Denk- 
mal für die Geschichte der deutschen Kunst ist die Stiftskirche von (iern- 
rode zu nennen, welche im J. 960 gegründet wurde, und welche in ihren 
sämmtlichen Haupttheilen unbedenklich als der aus dieser Zeit herrüh- 
rende  somit nächst der unter Karl (l. Gr. gebauten Münsterkirche in 
Aachen als der älteste uns bekannte Bau von Bedeutung in Deutschland 
zu betrachten ist. Der Unterzeichncte hat zuerst von dieser Kirche und 
von den in ihr enthaltenen, nicht minder merkwürdigen Denkmälern in der 
von ihm und E. F. Ranke verfassten "Beschreibung und Geschichte der Schloss- 
kirche zu Quedlinburg" etc. (K1. Sehr. I, S. 600) nähere Nachricht gegeben; 
Herr Puttrich hat indess Gelegenheit gehabt, die Kirche vollständiger zu 
untersuchen und namentlich das verbaute Innere einigermaassen aufräumen zu 
lassen, so dass seine Mittheilungen, unterstützt durch zehn Blätter mit 
bildlichen Darstellungen, ein sehr umfassendes Bild gewähren. Die Kirche 
ist eine Basilika, bei der, in den Arkaden des Schiffes, Pfeiler mit Säulen 
wechseln; über dem ursprünglichen Vorraum der lrVestseite war eine Em- 
pore (wie gewöhnlich in den sächsischen Basiliken) eingerichtet; Gallerien, 
nach dem freien Raume des Mittelschitls sich ölfnend, gegenwärtig aber 
verrnauert, liefen über den Seitcnschiflen hin. Solche Gallerien sind bisher 
in den alten deutschen Basiliken nicht gefunden werden. Ich habe bereits 
in meinem Handbuch der Kunstgeschichte bemerkt, dass die Einführung 
der Gallerien in den alten christlichen Kirchenbau ohne Zweifel als ein 
Ergebniss der eigentlich byzantinischen (der in Constantinopel ausgebilde- 
ten) Architektur zu betrachten ist; auch hier möchte ich die Erscheinung 
derselben aus einer direct byzantinischen Einwirkung erklären, und dies 
um so mehr, als ich in den ältesten Theilen der Kirche auch noch ander- 
weitig byzantinisches Element zu finden meine. Die Kapitale der Säulen 
in den Arkaden des Schiffes zeichnen sich nämlich durch eine ganz eigen- 
thümliehe Behandlung ihres Blätterschmucks aus; es ist darin in der That 
etwas von lokal-byzantinischer Formenweise, während die Behandlung de; 
Säulenkapitäle in der benachbarten und etwa um funfzig Jahre jüngeren 
Schlosskirche zu Quedlinburg wesentlich verschieden ist, indem diese 
theils mehr Nachahmung der römischen Form, theils eine selbständig rohe, 
nationell deutsche Ornamentik zeigen. Jene byzantinischen Elemente, falls 
ich mich in ihrem Vorhandensein nicht irre, sind aber für die deutsche 
Kunstgeschichte insofern beachtcnswerth, als man in der spätem Zeit des 
zehnten Jahrhunderts sehr häulig zwar in der Malerei (in den Miniaturen), 
in der Architektur seither aber noch gar nicht den Einfluss byzantinischer 
Kultur hat nachweisen können.  In den Flügeln des Querschiiles finden 
sich besondere kleine Krypten, deren Fussboden mit dem der übrigen 
Kirche in gleicher Höhe liegt; eine dritte, niedrigere, in dem über das 
Querschitf hinaustretendcn östlichen Chorraume. Der Herausgeber hält 
diese Einrichtung, der von mir früher ausgesprochenen Meinung opponi- 
rend, für ursprünglich; er möge mir indess freundlichst verzeihen, wenn 
ich mich dennoch zu seiner Ansicht nicht bekehre. im Gegentheil scheint 
mir die Krypta des Chors, die er als den allerältesten Bautheil betrachtet, 
sehr jung; die Fuss- und Deckgesimse der Pfeiler in derselben haben 
nämlich Profilirllngen, die, so einfach sie sind, dennoch viel mehr an die 
Formen der spätestgothischen als der frühestromanischen Architektur er- 
innern. Auch die Krypten in den Flügeln des Querschitfes, wenigstens diß
        

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