Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1495393
Schluss 
Notizen vom 
der Reise. 
Frankfurt a. 
351 
eine Mauer nach der Aussenwelt abgeschlossen. Maria sitzt zur Seite eines 
Steintisches und liest; auf dem 'l'isrrhe ein Glas und Obst: Vor ihr sitzt; 
das bekleidete Christkind in den Blumen und spielt auf einem Hackbrett, 
das ihm eine heilige Frau hinreielit. Eine zweite schopft Wasser aus einem 
Brunnen; eine dritte pflückt Kirschen in einen grossen Korb. Auf der andern 
Seite sitzen Erzengel Michael und St. Georg in den Blumen; neben Michael 
ein Aeftlein; neben Georg liegt der kleine Drache auf dem Rücken. Ein 
dritter männlicher Heiliger hinter ihnen lehnt sich an einen Baumstamm und 
hört zu_ Der Garten voll Blumen, Vögelchen, etc.  Der Maler ist ungefähr 
ein Zeitgenoss des Meister Stephan; das Allgemeine der Gestaltung. dlß KOPF 
bildung, der Sinn für das Liebliche (besonders reizend '10 dem Kopfe des 
Michael, den dieser, vor sich liiuschauend, bequem lIl die Hand stützt) ist 
dem letzteren ziemlich verwandt; doch hat jener nicht den bedeutsamen 
körperlich künstlerischen Sinn. Seine Gestaltungen und Bewegungen haben 
nicht den Fluss, die Arme sind geradliniger, der Faltenwurf ist minder 
durchgebildet, auch das weiche und harmonische Farbenprincip fehlt. 
Ueberhaupt stehen die Farben viel bunter nebeneinander und wirkt auch die 
ältere Kunstweise (der Periode des Meister Wilhelm) noch mehr nach.  
Im Besitz des Herrn G. Brentano.  
Vierzig Miniaturen französischer Schule aus der Spätzeit des löten Jahr- 
hunderts, dem Jean Fouquet, Hofmaler König Ludwigs XI.. zugeschrie- 
ben; Blätter,eines höchst reichen Breviersi für "maitre Estienne chevalier" 
gefertigt, dessen Portrait mehrfach und dessen Name oft darin vorkommt. 
Meist Scenen des neuen Testaments; dann andre des christlichen Mysteriuins, 
Darstellung religiöser Functionen u. dgl._m. In den Compositlonen sehr viele 
Originalität und geistreiche Selbständigkeit; bei den neutestamentlichen Sceneii 
häufig der Art, dass auf den oberen zwei Dritteln des Blattes die Begebenheit, 
meist Iigurenreich und lebendig, dargestellt ist und auf dem unteren Theile 
beiläuiig dazu gehörige Scenen  bei der Kreuzigung z. B. das Schmieden 
der Nägel  enthalten sind. Eigenthümlicher noch' sind einzelne mysti- 
sche Darstellungen, z. B. die der Dreieinigkeit unter dem Bilde von drei 
ganz gleichen und gleichmässig in weisse Gewande gekleideten Gestalten, 
die auf gemeinsamem Throne nebeneinander sitzen. Auf einem Blatte ist, 
in eben derselben Weise, die Krönung Maria dargestellt, wo dann der eine 
von den Dreieinigen aufgestanden ist und im Vorgrunde der knieenden 
Jungfrau die Krone aufsetzt. Der Styl ist meist höchst grossartig, in 
Scenen, wo feierlich Versammelte nebeneinander sitzen (z. B. in der Dar- 
stellung kirchlicher Functionen), sehr feierlich und würdig. In den Ge- 
stalten und besonders in den Köpfen ist eine gewisse Idealität mit Glück 
erstrebt, obschon die Formenbildung, der Grundlage nach, dem flandri- 
Sehen Princip verwandt bleibt. Die Behandlung zeigt höchste nieder- 
ländische Feinheit und Sauberkeit. Die dargestellten Architekturen haben 
theils noch brillant gothischen Styl, theils den der zierlichst ilorentinischen 
Renaissance ; gelegentlich kommt dergleichen auch auf einem Blatte neben- 
Qlllander vor. Uebrigens ist nicht Alles von ganz gleichem Wertlie und 
Sllld, was die Ausführung betrifft, verschiedene l-lände zu erkennen. 
Ein Tafelbild, den Maitre Etienne und neben ihm den h. Stephan dar- 
stellend, halbe Figuren in Lebensgrösse. wird ebenfalls dem J. Fouquet 
zugeschrieben 1). Die künstlerische Richtung ist im Allgemeinen dieselbe, 
Waagen, 
Kunstwerke 
und Künstler in Paris 
372.
        

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