Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1494106
222 
Rheinreise, 
1841 
Zweiter 
Abschnitt. 
bilden sich ebenfalls zu (je zwei) kapellenförmigen Polygonen. Der Styl 
ist durchaus germanisch (in seiner primitiven Gestaltung), mit einzelnen 
romanischen Reminiscenzen. Starke Rundpfeiler mit je vier Halbsäulen 
als 'l'rägern der Gewölbgurte stehen im. Durchschnitt des Kreuzes, unge- 
gliederte Rundsäuleir (über denen die Gurtträger auf besonderen Consolen 
aufsetzen) in den Flügeln desselben, WVandsäulen an den Pfeilern und in 
den Ecken der "Wände. Die Säulen haben überall als Kapital einen leich- 
ten germanischen Blätterkranz: Die spitzgewölbten, vorherrschend hoch 
gezogenen Bögen und Girrte sind überall reich und bunt, in den Kreuz- 
gurten mit zierlicher Entwickelung der charakteristisch germanischen Form, 
gegliedert. An den Obcrwänden der erhöhten Räume des Kreuzes ist eine 
vollständige Fensterarchitektur angedeutet, deren unterer Theil aber blind 
und an der nur der obere Theil, im Einschluss der Bogenödnungen, oden 
ist. Dasselbe ist der Fall bei den Fenstern des Kuppelraumes in der Mitte 
des Kreuzes. Die Seiten des frei vertretenden Chorraumes und die Stirn- 
seiten der andern Kreuztlügel sind nicht durch je ein Fenster ausgefüllt, 
sondern jedesmal durch deren zwei übereinander, dem zweigeschossigen 
Verhältniss des Inneren (der niedrigeren Seitenräumen mit ihren Fenstern 
und der eben bezeichneten Fensterarchitektur der erhöhten Räume des 
Kreuzes) entsprechend. Die Fensterarchitektur selbst ist überall gothisch, 
in der früheren Ausbildung: über der zweitheiligen spitzbogigen Arkade, 
welche das untere Stabwerk bildet, eine grosse Rosette; mit Säulchen und 
analoger Bogengliedernng. Die Portale in den vier Kreuzestlügeln sind 
noch halbrund überwölbt und in romanischer Weise disponirt, aber in der 
Behandlung und in dem, zum Theil sehr reichen Ornament ebenfalls schon 
wesentlich nach der Weise des germanischen Systems modificirt. Das Aeus- 
sere gewinnt seine charakteristische Eigenthümlichkeit nur durch diese 
Portal- und Fensterarchitektur; die auf den Ecken angeordneten Strebe- 
pfeiler sind überall noch ganz schlicht. Die ganze Behandlung trägt, bei 
allem Reichthum einzelner Bildungen, noch den Stempel einer sorglichen, 
fast herben Gemessenheit.  Das Gebäude gewährt ein höchst eigenthüm- 
liches Interesse; aber der Meister desselben hat es noch nicht vermochr, 
den Gedanken, der ihm vorschwebte, zur wahrhaft künstlerischen Einheit 
zu bringen, ihn bei der Ausführung in wahrhaft organischer Weise zu 
gliedern. In der Gesammt-Composition ist, bei allem Raffinement, welches 
darin steckt, eine befriedigende Entwickelung nicht erreicht. Die 141-615- 
artige Disposition des Ganzen und die Kreuzdisposition der erhöhten Räume 
stehen, ohne sich gegenseitig zu bedingen, neben- und ineinander. de]. 
viereckigen Grundform der Thurmkuppel, die sogar durch vier hindinge- 
legte Kreuzgewölbe besonders scharf bezeichnet wird, fehlt (ler durch die 
Gesammtform des Gebäudes erforderte centrale Bezug, der etwa durch eine 
Auflösung der Üßbßfwölbllng dieses Raumes in ein Achteek zu erreichen 
gewesen wäre. Die starre Form der Rundsäulen, zumal derer in den Flü- 
geln des Kreuzes, contrastirt disharmonisch gegen die sehr bewegten Glie- 
demngen d" Bögen und Gurte. was durch ihre hohe Dimension besonders 
auffällig Wird Ü; der in der Mitte nach romanischer Art sie umschliessendc 
1] Diese hohe Dimension macht eine Gliederung der Rnndsäulen, zum Aus- 
druck der in ihnen aufwärts steigenden Bewegung, entschieden nöthig. Bei 
kürzeren Rundsäulen, die mehr nur das Tragen, nicht zugleich auch das ent- 
schiedene Aufsteigen der architektonischen Kraft, dargestellt hätten, wäre dies 
Erforderniss bei weitem weniger dringlich gewesen.
        

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