Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491965
Berichte und 
Kritiken. 
ren Bedeutung solcher Werke mehr Aufmerksamkeit verwandt würde, als 
seither in den meisten Fällengeschehen ist.  
Erscheint die goldne Pforte zu Freiberg schon in dem eben besproche- 
nen Bezuge als ein wichtiges Denkmal deutscher Kunst, so ist dies viel- 
leicht in noch höherem, jedenfalls in ungleich mehr überraschendem Grade 
der Fall, wenn wir das Element der eigentlich künstlerischen Ausführung 
ihrer Einzelheiten in's Auge fassen. Denn in der That waltet in diesen 
Sculpturen fast durchweg ein so ausgebildeter, ein so classischer Schön- 
hejtssinn, dass wir bei ihrer Betrachtung der höchsten Vollendung der Kunst 
nahe zu stehen glauben. Allerdings zwar erkennt ein geübtes Auge in 
verschiedenen Motiven die Elemente des sogenannten byzantinischen Styles, 
wie solcher in den deutschen Werken des zwölften Jahrhunderts durch- 
gehend, und zwar zumeist in unerfreulicher Härte, angetroifen wird; aber es 
sind diese Motive auf's Edelste ermässigt; und gerade dasjenige, was in 
der byzantinischen Tradition Grossartiges überliefert worden ist, erscheint 
hier mit glüeklichstem Sinne aufgefasst, bedeutsam ausgebildet und frei be- 
lebt. Es ist der hohe Geist der Antike, der  nach seiner Erstarrung im 
Byzantinischen  hier zu neuem Leben erwacht; und doch ist zugleich 
mit dieser classischen Erhabenheit eine Milde des Sinnes, ein zartes religi- 
öses Gefühl verbunden , wie solches nur aus dem Boden des christlichen 
Mittelalters hervorgehen konnte. ln alledem sind diese Arbeiten nur mit 
den Werken des grosscn italienischen Meisters Nicola Pisano zu vergleichen; 
doch scheinen sie vor den letzteren noch den ebengenannten Vorzug grös- 
serer Milde zu haben, während sie ihnen vielleicht (was aus den vorliegen- 
den Abbildungen nicht ersichtlich sein kann) an Feinheit in der Behand- 
hing der Form nachstehen mögen. Aber die Blüthe des Nicola Pisano ist 
jedenfalls bedeutend später (in der späteren Zeit des dreizehnten Jahrhun- 
derts), als die Ausführung der Sculpturen der goldnen Pforte;  und wohl 
scheint es sehr glaublich, dass Meister, die so Vorzügliches zu leisten im 
Stande waren, auf die Ausbildung der italienischen Kunst, die im Anfange 
des dreizehnten Jahrhunderts noch sehr roh erscheint, von namhaftem Ein- 
flusse gewesen sein mögen; hiedurch würde dann auch das ganz Räthsel- 
hafte in der Plötllichen Erscheinungdes Nicola Pisano verschwinden. Las- 
sen sich dßßh fortwährend, bis zum Ende des funfzehnten Jahrhunderts, 
bemerkenswerthe Einflüsse der nordischen Kunst auf die italienische nach- 
weisen, während das umgekehrte Verhältniss (zwar der hergebrachten, aber 
Völlig grllndiosßn Meinung entgegen) ßrSt gegen die Mitte des sechzehnten 
Jahrhunderts, mit dem Verfall der nordischen Kunst, eintritt. 
 Denn es muss bemerkt werden, dass die Werke der goldnen Pforte zu 
Freiberg keinesweges ganz isolirt in der deutschen Kunstgeschichte dastehen. 
Zunächst sehliessen sie sich unmittelbar an die merkwürdigen Sculpturen 
an, welche sich in der Kirche des sächsischen Klosters Zschillen (Wechsel- 
bnrg) befinden und die von Puttrich bereits in früheren Lieferungen seines 
Werkes bekannt gemacht sind. Es ist dieselbe Weise der Auffassung und 
Behandlung, in einzelnen Gestalten selbst so viel Uebereinstimmendes, dass 
man zu der Meinung genöthigt wird, beide Arbeiten seien unter der Leitung 
eines und desselben vorzüglich begabten Meisters gearbeitet worden. Nur 
erscheinen die Freiberger Arbeiten als die Vüllendeteren, und sie werden 
demnach als die späteren betrachtet werden müssen. Ausserdem ist aber 
auch neuerlich noch auf mancherlei andere Werke bildender Kunst aus je- 
ner Periode aufmerksam gemacht worden. die, wenn auch den genannten
        

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