Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491959
Denkmalx 
Baukunst 
der 
des Mittelalters 
Sachsen. 
die Zeit ihrer Erbauung sind nicht vorhanden 1). Die breit ausladenden 
Schrägen Ansehlagsmauern der Pforte sind mit reichen Säulenstellungen ge- 
Sßhmüßkt, über denen sich reichgeschmückte Bögen in concentrischen Halb- 
kreisen Omporwölben. Zwischen den Säulen sind grosse Statuen angebracht; 
eine grosse Menge andrer Figuren reiht sich zwischen jenen Bogenwölbun- 
gen empür; ebenso ist die halbkreisruntle Platte, welche die eigentliche 
Bedeckung der Pforte bildet, mit einem bedeutsamen Hautrelief versehen. 
Letzteres stellt, auf die Widmung der Kirche sich beziehend, die Anbetung 
der Könige dar; in den Statuen zwischen den Säulen scheinen vornehmlich 
Personen des alten Testaments und andere Verkündiger des Heilandes ver- 
gegenwärtigt zu sein; in den Figuren zwischen den Bogenwölbungcn erkennt 
man, neben einer eigenthümlichen Darstellung der Dreieinigkeit, die Ge- 
staltcn von Engeln, von Aposteln und andern heiligen Vätern, und in dem 
äusserstcn Bogenkrcise eine Auferstehung der Todten,  letztere so ange- 
ordnet, dass eine Figur über der andern aus dem Grabe emporzusteigen im 
Begriff ist, in der Mitte der Engel des Gerichts,  eine gewiss eben so 
seltene, wie mit höchstem künstlerischem Geschick ausgeführte Darstellung. 
Betrachten wir nun zunächst das Ganze dieses Werkes, wie es in sei- 
ner architektonischen Anordnung zusammengefasst und gegliedert wird, so 
ist es vornehmlich der grossartige Grundgedanke der Composition, der un- 
ser höchstes Interesse in Anspruch nimmt. Auf der Hauptstelle, in dem 
wirklichen Mittelpunkte des Werkes (in dem erwähnten Hautrelief), erblicken 
wir die Erscheinung des Heilanrles in der irdischen Welt, zu dessen Ver- 
herrlichung die Schätze und Beichthümer der Welt dargebraeht werden: 
Maria, die Hauptfigur dieser Darstellung, zugleich in jener königlich ma- 
tronenhaften Würde, in welcher sie gern als die Repräsentantin der Kirche 
Christi gefasst wird. Unterwärts stehen die Gestalten des alten Bundes, 
welche zugleich die Vcrkündiger des neuen sind; oberwärts die Gestalten 
und Zeugen des neuen Bundes; im äussersten Kreise endlich erscheint die 
Vollendung des Versöhuungswerkes, denn in allen Figuren der Auferstehen- 
den sieht man hier nur Geberden innerer Ruhe, der Anbetung und Bescli- 
gung. Der Grundgedanke des Christenthums, in Bezug auf Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft, ist. es, der die zahlreichen Einzelheiten dieses 
merkwürdigen Werkes durchdringt und zu einem bedeutungsvollen Ganzen 
vereinigt. So war überhaupt die Kunst des Mittelalters, und namentlich 
in jener glücklichen Periode; ähnlich bedeutsame Grundgedanken, in mehr 
oder weniger symbolischer Gestaltung, pflegen die vielfach eomplicirten 
Werke jener Zeit zu erfüllen , auch wo dieselben der heutigen flüchtigen 
Betrachtung oft willkürlich oder räthselhaft erscheinen. Besonders in dem 
bildnerisehen Schmuck der Portale jiflegt sich dergleichen gern in mannig- 
facher Weise auszubreiten, wie z. B. das I-lauptportal der neuerlich bekannt 
gemachten schönen Liebfrauenkirche zu Trier hiedurch ebenfalls eigenthüm- 
lieh interessant ist; und es wäre wohl zu wünschen, dass überhaupt auf 
diesen Punkt der, freilich nicht überall ganz leicht zu bestimmenden inne- 
1) Der Herausgeber setzt die Erbauungszeit der goldenen Pforte (oder der 
Kirche, welcher sie ursprünglich angehörte) aus gewissen historischen Gründen 
zwischen 1175-1189. Ich würde es, rücksichtlieh des Styles sowohl der archi- 
tektonischen wie der bildnerischen Theile der Pforte, nicht wagen, die Zeit ihrer 
Erbauung vor dem dreizehnten Jahrhundert anzunehmen. Doch würde die Aus- 
einandersetzung meiner Gründe hier zu weit führen.
        

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