Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1493243
140 
weise, 
1841. 
Abschnitt. 
Erster 
tausend Arme, welche der Dorn, wie in der Feier des Gebetes, zum Him- 
mel emporstreckt."  Wahrscheinlich war der Dom bereits ursprünglich 
auf eine Anlage ähnlicher Art berechnet, was schon an sich die gewaltige 
(Iolossalität der unteren Strebepfeiler erkennen lässt; ohne allen Zweifel 
hatte diese Anlage ursprünglich aber in ungleich einfacheren Formen aus- 
geführt werden sollen. Es sind äussere und innere Gründe vorhanden, aus 
denen es hervorgeht. dass dies System in der Art, wie es zur Ausführung 
gekommen, weder bei dem Bau der unteren Theile des Ohores, noch bei 
dem Bau seines Obersehitfes beabsichtigt war. Für's Erste ist zu bemerken, 
dass sich an den Strebepfeilern der Seitenschiffe noch durchaus keine An- 
deutung der reichen Gliederung, welche bereits am Fusse der über ihnen 
ruhenden Strebcthürme beginnt, keine Vorbereitung auf eine solche, wie 
sie doch im ganzen Princip des gothischen Baustyles liegt, findet. Sodann 
sind die Strebethürme in ihrer Masse zwar schwächer als die Pfeiler, über 
denen sie emporsteigen. an ihren Seiten aber (kreuztörmig im Grundrisse) 
mit Ausladungen versehen, wodurch sie dennoch eine grössere Gesarumt- 
breite erhalten, und zwar in solchem Maassc. dass sie sogar auf nicht un- 
erhebliche Weise über die Bögen der Fenster der Seitenschitle hinaustre- 
tcn. Dies ist in der That ein Mangel an Congruenz. welcher nicht als das 
lilrgebniss eines einzelnen und mit vollkommener Gesetzlichkeit durchge- 
bildeten Planes betrachtet werden kann. Auch die Strcbethürme. die sich 
über den Pfeilern zwischen den Seitenschiffen erheben, sind stärker als 
diese Pfeiler und ruhen zum Theil auf den Bögen des Gewölbes; doch 
wird dies natürlich durch das Auge des Betrachteudcn nicht wahrgenom- 
men. Zugleich beschränkt die grosse Breitenausdehnung der Strebethürmc 
die Ansicht der Oberfenster, so dass man bei der mässigsten Entfernung von 
dem Gebäude keines derselben (mit Ausnahme der Fenster am Chorschluss) 
vollständig übersehen kann. Endlich ist es höchst auffallend, dass die in- 
neren Strebebögeu mit der Wand des Oberschiffes ursprünglich nicht in 
Verband standen; sie waren erst später eingefügt; ja es hat sogar, um sie 
anbringen zu können, Manches von der Struktur und von den Zierden jener 
Oberwände auf willkürliche Weise müssen abgeschnitten werden. Bei sol- 
chem Verfahren kann man hier nicht an eine ähnlich naive Bauführung 
denken, wie bei jenen Pfeilern des Innern, denen die Halbsäulen, obgleich 
ursprünglich beabsichtigt, doch erst später angefügt sind; es hiesse bei 
einem Gebäude, das im Uebrigen so höchst meisterlich ausgeführt ist, einen 
allzu grossen lllangel an Ueberlcgung von Seiten der leitenden Behörde 
voraussetzen. (An der östlichen Oberwand des Querschiifesj die zum Theil 
emporgeführt ist, erscheinen allerdings die in Verband stehenden Ansätze 
der Strebebögen; aber dies ist wiederum auch ein späterer Theil des 
Baues.)  was nunmehr die besondere Ausbildung der Strebethürme an- 
betrifft, so sehen wir hier auf's Neue einen sehr erheblichen Fortschritt 
in der Entwickelung des gothischen Styles. Früher hatte man sie nur als 
schwere Manermassen, etwa mit einer einfachen Berlaehung versehen, em- 
porgeführt; dann hatte man sie, ohne jedoch das Princip der Masse eigent- 
lich aufzugeben, an ihrer Vorderseite mit einem mehr oder weniger ge- 
schmückten labcrnakelbau atisgestattet. In dieser Art sind vornehmlich 
die Strebethürme der französischen Kathedralen behandelt. Hier dagegen 
erscheint an diesen Bauthcilen zum ersten Mal eine wahrhaft selbständige 
architektonische Entwickelung. Sie sondern und gliedern sich in einzelne 
Thcilc, die von dem gemeinsamen Stamme als kleinere Vorsprünge, Stre-
        

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