Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1493231
Köln 
Der Dom von 
seine 
und 
Architektur. 
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hier verschwunden; die Entwickelung der Formen gestaltet sich in der 
reinsten Elasticität und Harmonie, so dass uns hier  zugleich mit Rück- 
sicht auf die nicht minder vollendeten Giebel, welche die Fenster krönen, 
 das edelste Beispiel gothischer Fensterarchitektur entgegentritt I). Der 
Unterschied der äusseren Lage bewirkt es nur, dass die Abweichungen 
keine disharmonische Störung in das Ganze bringen; ja, es giebt fast eine 
gewisse natürliche Befriedigung, wenn das Auge, indem es von den untern 
zu den obern Fenstern emporsteigt, nicht bloss von strengeren zu milde- 
ren Formen, sondern zugleich auch von einem minder entwickelten zu 
einem höher ausgebildeten Organismus übergeht. Bei der später erfolgten 
Vollendung des äusseren Seitenschilfes auf der Nordseite, im vorderen 
Raume der Kirche, hat man die Fenster, welche doch mit den Unterfen- 
stern des Chores in gleicher Linie stehen, nach dem Gesetz der Oberfen- 
ster des letzteren gestaltet.  Ob das Mittelschiff des Chores schon ur- 
sprünglich auf die bedeutende Höhe berechnet war. welche dasselbe gegen- 
wärtig hat, dürfte sehr schwer zu entscheiden sein. Gegenwärtig erscheint 
seine Höhe für den Eindruck des Innern allerdings fast übertrieben; es 
ist aber zu bemerken, dass die perspektivische Wirkung des Innern bei 
der Vollendung des ganzen Domes nothwendig eine ganz andere sein 
muss, als jetzt bei der verhältnissmässig nur geringen Länge des Chores. 
Das dritte Stadium des Baues. wiederum eine Umbildung des in dem 
ursprünglichen Entwurfe Gegebenen, vergegenwärtigt sich uns in jenem rei- 
chen Systeme von Strebethürmen und Bögen, welche sich über 
den Seitenräumen des Chores erheben und gegen das eben besprochene 
erhöhte Mittelschiff desselben hinüber geschlagen sind. Ein System solcher 
Art gehört überhaupt zu den eigenthümlichsten und sinnvollsten Gestaltun- 
gen der gothischen Architektur. Der Druck der Gewölbe in den Seiten- 
schitfen fand in den an diesen hinaustretenden Strebcpfeilern sein Wider- 
lager; für die Gewölbe des erhöhten Mittelschiifes waren aber keine Strebe- 
pfeiler von genügender Stärke anwendbar, und man ersetzte dieselben, 
indem man jenen Gewölbdruck durch kühn gesprengte Strebebögen auf 
die Strebepfeiler der Seitenschiffe hinaus leitete, welche letzteren hiebei 
thurmartig erhöht wurden. Bei fünfschiffigen Kirchen mussten zu demsel- 
ben Zwecke, falls die Strebebögen nicht übermässig lang gespannt werden 
sollten, auch über denjenigen Pfeilern des Innern, deren Reihe das äussere 
und das innere Seitenschitf sondert, Thürmchen emporsteigen, so dass die 
Bögen sich verdoppelten; und da eine solche Anordnung an sich zu breit 
gewesen wäre, so mussten die Strebethürme, um mit den übrigen Bauver- 
hältnissen in Harmonie zu treten, noch höher emporgeführt und statt der 
zwei Bögen zwischen ihnen und der Wand des Mittelschiifes deren je vier 
angeordnet werden. Auf diese Weise ist das genannte System am Chore 
des Kölner Domes beschaffen; zugleich ist dasselbe im Einzelnen (wenig- 
stens im der Südseite) auf's Reichste und Glänzendste durchgebildet, so 
dass hierin wesentlich der höchst brillante Eindruck des Aeusseren, ja fast 
am meisten der weitverbreitete Ruhm des Gebäudes begründet ist. Es ist 
"der heilige Wald. in dessen Schatten das Gotteshaus ruht," es sind "die 
1) Zwischen den Fenstern des Oberbaues treten  nach der ursprünglichen 
Anlage und nicht Völlig cimßfllirßnd miY dem System der Strebebögun gvergl. das 
Folgende)  Pfeilerecken, die mit leichten Thürmchen bekröxit sind, als Stm- 
ben hervor.
        

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