Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1493084
126 
Rheinreise, 
184 
Erster 
Abschnitt. 
Entwürfen umgegangen sein müsse, und dass selbst die Grundgestalt (los 
gegenwärtig vorhandenen Gebäudes einer späteren Epoche angehöre, wird 
durch eine nähere Betrachtung der Eigenthümliclikeiten des letzteren ent- 
schieden widerlegt. 
Zu Anfang scheint man das ungeheure Unternehmen mit rüstigem Eifer 
gefördert zu haben. Nur zu bald aber musste, in Folge der unscligsten 
Zerwürfnisse und mannigfacher Kriege, diese Thätigkeit erlahmen, so dass 
erst vierundsiebzig Jahre nach der Grundsteinlegung der Chor vollendet 
war. Im Jahre 1322 erfolgte seine Weihung. Ueber den Bau der übrigen 
Theile des Domes, der Schiffe und der Thürme, der bis ins seehzehnte 
Jahrhundert hinein währte, fehlt es uns fast an aller näheren historischen 
Nachricht. Zu bemerken ist nur, dass im Jahre 1437 der südliche von 
den Thürmen der Westseite seine gegenwärtige Höhe erreicht hatte, indem 
damals die Glocken in, demselben aufgehängt wurden, auch der grosse 
Krahn, der auf diesem Thurme als ein mahnendes Wahrzeichen der Stadt 
stehen geblieben ist, mit einem Dache versehen ward.  
Der Beginn des Dombaues fallt in eine Zeit der lebhaftesten geistigen 
Entwickelung, die besonders für Deutschland einen grossen lteirhthum der 
bedeutsamsten Erscheinungen Vtheils bereits hervorgebracht hatte, theils 
noch hervorbringen sollte. Die Kreuzzüge, deren inneres Wesen dem real 
verständigen Charakter unsrer Zeit fast unbegreiflich ist, hatten sich zuerst 
als durchgreifendes Zengniss einer sehwärmerisch-idealen Sinnesriohtung 
geltend gemacht, sie hatten zugleich auf die besondere Ausbildung der 
letzteren im höchsten Maasse zurückgewirkt. Die verschiedenartigsten Na- 
tionalitäten. Occident und Orient, waren miteinander in unmittelbare Be- 
rührung gekommen; man war aus der schroffen Vereinzelung herausgctre- 
ten, aber man war sich zugleich auch seiner selbständigen Eigcnthümlieh- 
keit lebhafter als bisher bewusst geworden. Weltliches und geistliches 
llitterthum hatten sich ausgebildet und gaben dem Leben des Tages einen 
erhöhten, mehr geläuterten Adel. Die Stimmen einer nationalen Poesie. 
ebenso tiefsinnig und kunstvoll im Epos wie zart und anmuthvoll im Linde, 
klangen weit durch die Lande. Endlich auch hatte sich das Auge für die 
Schönheit der äusseren Form aufgethan, und der Flügelschlag einer neuen 
Seele bewegte sich in den Gebilden der Kunst. 
Vorzüglich charakteristisch tritt uns das reiche Leben jener Zeit in 
den Denkmalen der Architektur entgegen, indem überhaupt diese Kunst, 
gleich der Sprache, recht eigentlich das Erzeugniss volksthümlicher Zu- 
stände ist. Der romanische Baustyl (den man insgemein sehr unpassend 
mit dem Namen des nbyzantinischen" zu bezeichnen pflegt) hatte von der 
späteren Zeit des zwölften Jahrhunderts ab mehr und mehr von seiner 
düsteren Strenge, von seinem herben Ernste nachgelassen; die Gebäude 
dieses Styles wurden fortan gern auf eine heiter erhabene, mehr oder WO- 
niger malerische Wirkung angelegt; die Einzelformen begannen sich freier 
und mannigfaltiger aus der Masse zu lösen, in ihrer Bildung den Puls 
eines wärmeren Lebensgefühles anzukündigen. Deutschland besitzt zahl- 
reiche Denkmale dieser Art; besonders aber sind es die nördlicheren Rhein- 
gegenden und die an dieselben angrenzenden Lande, welche uns hiefür die 
mannigfaltigsten Beispiele zeigen. Auf die verschiedenartigste Weise ist 
man hier bestrebt, die regen und stets lebhafter sich entwickelnden Kräfte 
des Daseins in den Werken der Architektur zum Ausdrucke zu bringen. 
Zunächst zwar in der Bildung der feineren ltlinzelnheiten nicht ebenso rein
        

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