Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1492882
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Rheinreise, 
1841. 
Erster Abschnitt. 
Worte veranlassen mich, die Gründe für meine Behauptung hier näher 
darzulegen. Soweit dies überhaupt ohne Abbildungen, deren ich keine 
genügenden zur Hand habe, möglich ist. 
Bei allen kunsthistorischen Untersuchungen kommt es bekannter Maassen 
zunächst und vorzugsweise auf die künstlerische Bedeutung des fraglichen 
Werkes, auf den ästhetischen Organismus desselben an; diesen mit klarem 
Blick aufzufassen, hat seine Schwierigkeiten, aber es muss eben gewagt 
werden. Auch im vorliegenden Falle gehe ich hievon aus. Dass die 
Composition der Porta Nigra eine römische Erfindung ist. bezeugt schon 
der tlüchtigste Blick auf das Gebäude; eine nähere Untersuchung jedoch 
lässt eine sehr unrömische, sehr entschieden barbarisirte Behandlungsweise 
der Detailformen, und besonders derjenigen, die für die antike Architektur 
vorzüglich charakteristisch sind, erkennen. Es ist nur ein Umstand. der 
gerade hier diese nähere Untersuchung eigenthümlich erschwert, sie jedoch 
keineswegs unmöglich macht. Das Gebäude der Pol-m Nlgm ist nämnc], 
nicht vollendet worden; es fehlt demselben zum guten Theil die letzte 
Glättung; Vieles daran erscheint erst im Rohen zugehauen, und so dürfte 
man von vornherein geneigt sein, anzunehmen, dass jener Barbarismus der 
Detailformen eben auf Rechnung des Rohbaues zu schreiben, dass hierin 
.bei der Vollendung des Ganzen eine ganz andre Weise der Ausführung 
beabsichtigt gewesen sei. Bei einer aufmerksamen Betrachtung des Ge- 
bäudes erkennt man aber doch bald, was daran wirklicher Rohbau ist, 
was zu einer weiteren Ausarbeitung fähig war oder nicht, und was trotz 
einer nicht sonderlich zarten Behandlungsweise als wirklich vollendet be- 
trachtet werden muss. Der architektonische Schmuck dcs Gebäudes besteht 
aus einer Art dorischer Halbsäulen und Pilaster in mehreren Geschossen, 
zwischen denen sich, mehr oder weniger durchgängig, gewölbte Fenster- 
oder 'I'hüröil'nungen betinden. Auffallend erscheinen zunächst manche nur 
flach angelegte Gliederproiilirungen, in einer Weise, dass daraus nie ein 
eigentlich römisches Gliederprotil ausgearbeitet werden konnte, wie z. B. 
die Basis der Säulen meist aus einer viereckigen Platte und aus einem 
breiten. wenig vorspringenden Bande besteht, und wie das Kämpfergesims 
sehr roh durch eine hohe, flache Platte gebildet wird. Dergleichen mag 
indess mehr als eine rohe, denn als eine im eigentlichen Sinne des Wortes 
barbarisirte Formenbehandlung gelten. Auffallcnder ist die Form sämmt- 
licher durchlaufenden Horizontalgesimse, die (wie so häufig in der ffu- 
heren Zeit des mittelalterlich romanischen Styles) nur aus einer Platte und 
aus einer schrägen Schmiege unter dieser bestehen und dabei stark aus- 
laden, so dass die Platte selbst nur eine sehr geringe Vorderfläche hat, 
Eine durchgehende Bestimmtheit in der Behandlung dieser Gesimse lässt 
sie zumeist als wirklich vollendet erscheinen, während Solche Theile, von 
denen mit Bestimmtheit anzunehmen ist, dass sie abgemeisselt werden S011- 
ließt Wie Z- B- die vorspringenden Einfassungsstreifen an den Keilsteinen 
in Architrav und Fries (über den Portalen) ungleich roher und Willkür- 
licher erscheinen. Das Entschiedenste aber ist die Form der Kapitale. 
Während die der I-Ialbsäulen im Erdgeschoss in Anlage und Verhältnissen 
den römisch-dorischen Kapitälen noch ungefähr zu vergleichen sind, ist 
dies bei den übrigen ganz anders; bei diesen ist die Deckplatte ganz 
schmal und dagegen das Glied, welches die Stelle des antiken Echillug 
vertritt, übermässig hoch, mehr kelchartig, und bildet zugleich einen ganz 
rohen Llebergang aus der viereckigen Deckplatte in die Rundform der Säule.
        

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