Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491320
Bildende Kunst. 
Mittelalter. 
7. Sehnitzwerke. 
811 
'I'abernakel-Architektur im. zierlichen spätgothischen Styla Die flauptform 
dieser Architektur bildet sich durch zwei, einander entgegengesetzte Qeff. 
nungen, in denen, auf der einen Seite, die Madonna mit _dem Kinde steht, 
auf der andern der Täufer Johannes. Beide Figuren sind in einer durch 
aus trelflichen und würdigen Weise gearbeitet, in der sich (um den Ver- 
gleich mit- den mehrfach berührten Meistern beizubehalten) der strengere 
Styl des Adam Kraft mit dem zierlicheren des Veit Stoss zum schönsten 
Einklange verschmilzt. Ueber den Pfeilern, die die Oetfnungen einschliessen, 
erhebt sich dann, in mehreren Absätzen, ein reich gebildeter Baldaohin, 
der mit mannigfach zierlichen freien Rankengellechten geschmückt ist, wäh- 
rcnd an den Pfeilern, oberwärts und unterwärts, eine Menge kleiner Figu- 
ren vortritt. Ich entsinne mich nicht, irgend anderswo ein ähnliches Werk. 
geschweige denn eins von ähnlicher Schönheit, gesehen zu haben. Doppelt 
wichtig aber wird die Arbeit durch die an ihr enthaltene Jahrzahl, die 
natürlich auch für die ganze Reihe der Werke ähnlichen Styles, mehr oder 
weniger genau, als zeitbestimmend gelten muss. Leider ist nur von den 
Qmamentistischcn Zicrdcn des Leuchters schon Manches verloren gegangen, 
und leider ist derselbe in neuerer Zeit restaurirt und dabei auf barbarische 
Weise mit einem neuen Anstrich übersudelt werden. 
Auch die heilige Geistkirche zu Colberg (ein Gebäude, das nur 
noch geringe mittelalterliche Theile enthält), bewahrt einen alten Schnitz- 
altar. Der Mittelschrein enthält eine Madonna mit dem Kinde, umgeben 
von einer Strahlenglorie und einem grossen Rosenkranze; in jedem der 
Seitenflügel sind sechs Heiligentiguren. Die Arbeit ist handwerklich tüchtig 
und gehört der Zeit um den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts an.  
In der Marienkirche zu Damm befindet sich ein grosses Altar- 
schnitzwerk, das in der Mitte, in sehr ügurenreicher Composition, die 
Kreuzigung Christi, zu den Seiten die früheren und späteren Scenen der 
Passion, mit Einschluss der Auferstehung Christi und der Krönung der 
Maria, enthält. Die einzelnen Reliefs haben aber nicht mehr die ur- 
sprüngliche Folge. Der Styl auch dieses Werkes hat ungefähr den Cha- 
rakter des Veit Stuss, die Arbeit jedoch ist sehr entschieden handwerks- 
mässig. Der Mangel eiguer künstlerischer Kraft zeigt sich nicht blos in 
der Anordnung der figurenreichen Scenen, sondern überhaupt bei der Dar- 
stellung aller bewegten, leidenschaftlichen Momente. Gleichwohl finden 
sich auch hier noch einzelne schöne und würdevolle Motive; so ist na- 
mentlieh die Krönung der Maria ganz trelilich behandelt. Die Gemälde 
auf den Rückseiten der Flügel sind zum Theil verdorben, ausserdem aber 
über und über mit Maurertünche besprengt; soviel ich von ihnen erkennen 
konnte, scheinen sie nicht zu den schlechteren Arbeiten dieser Art zu 
gehören.  
In Stettin ist nur Weniges von mittelalterlichem Schnitzwerk er- 
halten. Das Meiste findet sich in der Gertrudskirche auf der Lastadie. 
lrlier sieht man einen schmalen Altarschrein, in dessen Mitte sich aber nur 
noch eine weibliche Figur von mittlerer Grösse findet. Doch ist diese 
Figur nicht ohne bedeutenden Werth. Sie ist zart und mit feinem, edelm 
Gefühle gebildet, die Gewandung 1st grossartig, in der Weise des Adam 
Kraft, angelegt. Auf den Flügeln des Schreines sind alterthümliehe, leid- 
11011 yghe Gemälde enthalten, die auf die spätere Zeit des fünfzehnten Jahr- 
hunderts deuten.  Neben diesem Schreine befindet. sich ein andrer aus 
jüngerer Zeit, welcher eine Darstellung der Verkündigung Mariä enthält;
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.