Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491251
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Pommersche Kunstgeschichte. 
einzelnen Heiligenfignren ähnlichen Styles bemalt. Die Malerei des Unter- 
satzbiltles ist in späterer Zeit erneut. 
Dann findet sich im Chor-Umgange noch Einiges, was dem in Rede 
stehenden germanischen Style zuzuzählen ist. So die Figur einer Madonna 
mit dem Kinde (der Mitte eines Altarschreins angehörig) von guter Arbeit_ 
S0 ein Altarschrein mit rohem Schnitzwerk, Scenen aus dem Leben der 
Maria vorstellend, denen es gleichwohl nicht an gemüthlichem Ausdrucke 
fehlt. (Davon ist aber schon mancherlei verloren.) Auf den Aussenseiten 
der Doppeltlügel dieses Altarschreines sind Malereien, ebenfalls von roher 
Arbeit, aber auch sie nicht ohne gemütlilichen, selbst nicht ohne charakte- 
ristischen Ausdruck. 
Endlich sah ich, während der Reparatur der Kirche in einer verschlos- 
senen Kapelle zurückgestellt, die Statue eines kreuztragenden Christus, die. 
wenn das Körperverhältniss auch nicht ganz richtig war, sich doch durch 
schönen, klaren Fluss in den Linien der Gewandung auszeichnete. Der 
Charakter der Arbeit schien mir den Uebergang aus dem germanischen in 
den späteren Styl zu bezeichnen. Zu der Figur gehört ein Tabernakel mit 
hohem durchbrochenem Thurme, in sehr eleganter und geschmackvoller 
Weise ausgeführt. In neuerer Zeit hat Beides, Statue und Tabernakel, 
einen grau-violetten Anstrich erhalten.  
Die übrigen Schnitzwerke der Nikolaikirche zu Stralsund tragen 
das Gepräge des späteren Styles; mit ihnen beginne ich die Uebersicht 
derjenigen Werke, welche die zweite Classe dieser Holzsculpturen bilden. 
Das bedeutendste unter ihnen ist_ der Hochaltar der Kirche (mit Ausnahme 
des oben besprochenen älteren Aufsatzes). Der Mittelsehrein, der eine be- 
trächtliche Dimension hat, wird durch eine einzige grosse Darstellung, die 
in sich jedoch nach mittelalterlicher Sitte in mehrere Scenen zerfallt, aus- 
gefüllt; es ist die Kreuzigung Christi. Auf den Seitenschreinen sind je 
drei kleinere Darstellungen übereinander, welche die der Kreuzigung vOr- 
angehenden Momente der Passionsgeschichte vergegenwärtigen. Ein unter 
der Mitte befindlicher Untersatzschrein enthält die Verkündigung Mariä, 
die Geburt Christi und die Darstellung im Tempel. Alle diese Darstellun- 
gen sind sehr iigurenreich, das Mittelbild sogar überladen, doch ist überall 
viel Naivetät in Bewegung und Gebcrde. Ueber den einzelnen Darstellun- 
gen sind zierliche Baldachine von spätgothischer Form angebracht. Rück- 
sichtlich des Styles möchte ich die Arbeiten mit den Gemälden des west- 
phälischen Malers Jarenus, die sich im Berliner Museum befinden 1), ver- 
gleichen; nur tritt in ihnen das übertrieben Hastige und Scharfe des Jare- 
nus minder hervor. Dies Verhältniss, und da neben den neuen Motiven 
doch auch noch manche Erinnerungen an den germanischen Styl anklingen, 
lässt mich vermuthen, dass das Werk nicht gar spät nach der Mitte des 
funfzehnten Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Die Rücktlächen der 
Seitenschreine sind mit roher Malerei versehen, ebenso die beiden Seiten 
eines zweiten Flügelpaares.  Zwischen den älteren Tabernakeln des Auf- 
satzes sind Gemälde angebracht, mit etwas roh gemalten grossen Figuren, 
etwa Propheten vorstellend. lhr Styl gehört dem Anfange des sechzehn- 
ten Jahrhunderts an. Dann findet sich auf der Rückseite des Altares, nach 
dem Chor-Umgange, eine grossc Uhr mit gothischen Ziifern; in den Ecken 
1) Vgl. über 
seums zu Berlin. 
dieselben 
S. 1 7 2. 
meine Beschreibung 
der Gemälde-Gallone 
des K. Mu-
        

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