Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1490881
Ausserkirclnliche Architektur. 
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äusserer Seite eine hohe, im Halbkreisbogen geführte Nische übe, dem 
Thnre hin, was wiederum auf eine ziemlich späte Zeit sehiiessen iässn 
Bei vielen Thoren, wie z. B. bei denen von Wolgast, sind endiicn die 
Thürme in ihrer Dekoration modernisirt worden. 
Manclierlei ist sodann über die künstlerische Dekoration der Fagaden 
an Rathhäusern und Wohngebäuden in Städten und Schlössern zu hegen- 
ten. Das Bemerkenswerthe indess, was an Bauwerken dieser Art noch ein 
mittelalterliches Gepräge trägt, gehört der spätesten Zeit des Mittelalters, 
dem funfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, an; es ist nicht ganz nn_ 
wahrscheinlich (obgleich die verhältnissmässig geringe Anzahl des Vorhnn_ 
denen die Entscheidung unmöglich macht), dass man sich bis dahin im 
Allgemeinen mit einfacheren Formen für die Gebäude des werkeltäglichen 
Verkehfes begnügt hatte, und dass erst mit der höchsten Blüthe der städti- 
schen Macht auch diese Weise des Luxus mehr hervortrat. 
An den Häusern ist die Einrichtung des hohen, der Strasse zugewand- 
ten Giebels charakteristisch. Schmale und nicht sehr vorspringende Stre- 
ben, gewöhnlich mehrfach gegliedert, laufen in der Regel zwischen den 
Fenstern empor und erheben sich als _freie Thiirmchen über der Dach- 
schräge; letztere erscheint aber insgeinein nicht in ihrer einfachen Linie. 
sondern entweder steigen, zwischen den Thürmchen, kleinere Giebel über- 
einander frei empor oder es bilden sich statt deren gerade Absätze, so 
dass das Ganze stufenförmig emporsteigt. In solcher Weise, mit kleineren 
Giebeln geschmückt, erscheint z. B. die Facade des Rathhauscs zu Grimme; 
hier sind die Strebethürmchen aus Rundstäben zusammengesezt. Aehnlich 
auch die Facade des Rathhaiises zu An clam. Bei der des Rathhauses Zn 
Lauenburg sind zu den Seiten stärkere achteckige Strebethürmchen nn- 
geordnet, die Absätze erheben sich stufenförmig und die Fenster haben 
hier zum Theil die Form des späten geschweiften Spitzbogens. In dieser 
Art sieht man auch viele Wohnhäuser, zu Anclarn, Stralsund, Greifswald, 
u. a. a. O. Als die zierliclisten Beispiele mittelalterlicher Hausfacaden 
sind besonders drei Häuser zu nennen, welche an der Ostseite des grossen 
Marktes zu Greifswald nebeneinander stehen. Das erste von diesen, zur 
Linken, hat eine besonders reiche Dekoration. Der Giebel steigt hier 
stufenformig empor; die Strebethürmehen sind mit bunten Nischen und 
Rosettenwerk geschmückt; die Fenster haben mannigfach durchbrochene 
Bogenzierden, und aus den Spitzbögen, die ihre Ueberwölbung umfassen, 
springen gereihte Blätter hervor; die ganze Behandlung ebenso, wie die 
Ausbildung des Details entspricht hier vollständig der Verzierungsweise, 
die wir an den, dem fünfzehnten Jahrhundert angehörigen kirchlichen 
Bauten wahrgenommen haben. Das zweite Hans ist einfacher; die Giebel- 
schräge ist hier nicht beobachtet, sondern die Facade in gerader Masse 
emporgeführt und mit einer horizontalen Zinnenreihe gekrönt; hohe Fenster- 
blenden, die durch die Bodengeschosse emporlaufen und die kleinen Fenster- 
Oeifnungen in sich einschliessen, geben dem Ganzen einen ernsteren Cha- 
rakter. Bei dem dritten Hause zeigt" sich am Giebel die gerade Linie des 
Daches, die nur durch die Strebethürmchen unterbrochen wird, doch scheint 
diese Einrichtung hier nicht ursprünglich; die Fenster sind dreitheilig, in- 
dem je drei kleine gebrochene Spitzbögen, von zwei Säulchen gestützt, 
durch grössere Spitzbögen umfasst werden. Die Form der gebrochenen 
Spitzbögen dürfte aber auch hier wiederum auf das funfzehnte Jahrhun- 
dert deuten. 
liugler, Kleine Schriften l. 49
        

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