Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1490591
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Kunstgeschichte. 
Pommersclne 
von denen man aber keine Spur sieht, wohl ausführbar gewesen wäre. Doch 
ist an der Kirche so Vieles verdorben und geflickt, dass es schwer sein 
dürfte, über ihre ursprüngliche Anlage ein ganz bestimmtes Resultat zu 
gewinnen. 
Ein zwar sehr einfaches, doch zugleich eigenthümlich anmuthiges Ge- 
bäude'ist die Gertruds-Iiapelle bei Treptow a. d. R. (vor dem 
Greidenberger Thor-e). Der Altarraum ist dreiseitig geschlossen; vor der 
Mitte des Giebels steigt, fast einem starken Strebepfeiler vergleichbar, ein 
schmales Glockenthürmehen in die Höhe, in dessen Ecken Halbsäulchen 
eingelassen sind. Die Gewölbe im Inneren sind ausgebrochen und die 
Kapelle dient nur zur Aufbewahrung von Geräthen. Die beiden andern 
Kapellen von Treptowv, die heil. Geist-Kap elle in der Stadt und die 
Georgs -K apelle vor dem Colbergcr Thore sind minder bedeutend. Beide 
sind verbaut.  Die heil. Geist-Kapelle zu Garz an der Oder hat 
eine ähnliche Anlage wie die Gertruds-Kapelle zu Treptow a. d. R; auch 
sie indess ist im Inneren verbaut.  
Sodann sind einige Kapellen anzuführen, deren Anlage sich, abweichend 
von der bei den kirchlichen Bauten des Mittelalters vorherrschenden Haupt- 
form, als Polygon gestaltet. Besondre rituelle Bedürfnisse werden diese 
abweichende Form hervorgerufen haben. Zwei von ihnen, die bedeuten- 
deren und die sich zugleich den schönsten pommerschen Bauten aus der 
Zeit des. vierzehnten Jahrhunderts anrcihen, sind auf Kirchhöfexi belegen 
und dürften als dem Gräberdienste gewidmet zu betrachten sein. Beides 
sind Gebäude der Art, welche die Engländer als "Heilige Grab-Kirchen" 
benennen und die man gewöhnlich als Nachahmungen der Kirche des 
heiligen Grabes in Jerusalem betrachtet; namentlich die eine von ihnen 
ist dieser Form sehr nahe entsprechend. Doch führen beide den Namen 
der heil. Gertrud, der indess nicht minder die Bestimmung des Gräber- 
dienstes anzudeuten scheintJ) 
Die eine von ihnen ist die Gertruds-Kirche bei Yvolgast. Sie 
ist von zwölfeckiger Gestalt (150). ln der Mitte steht ein starker Rund- 
pfeiler, über dessen einfachem Deckgesims 24 Gewölbgurten ansetzen, aus 
denen sich ein sehr zierliches Sterngewölbe entwickelt. In den Ecken der 
Kirchenwände sind feine Gurtträger, Halbsäulchen in der Hauptform, ange- 
bracht; die Gewölbgurte haben ein wohlgebildetes Profil, Fenster und Thü- 
ren sind ebenfalls, zwar einfach, doch in edler Weise profilirt. Das ganze 
Innere gewährt den wohlthuendsten Eindruck, der leider nur durch die 
hineingesetzten hölzernen Emporen sehr beeinträchtigt wird. (Ueber die 
Malereien an diesen Emperen s. unten.)  Es wird behauptet, die Kirche 
sei von Herzog Bogislav X. nach seiner Rückkehr aus dem gelobten Lande, 
1) Es wird nämlich mit der genannten Heiligen die h. Gertrud von Nivelle, 
die Tochter Pipins, des Major Domus unter Dagobert von Austrasien, gemeint 
sein. Von Nivelle aber heisst es in der "Christlichen Kuustsymbolik und lkono- 
graphie" (Fmnkf. a. M. 1839, S, 208.), dass dieser Ort "den Gestorbenen gute 
Herberge bereiten solle." S0 erklärt es sich denn, dass auch noch anderweitig 
die auf Kirchhöfen belegenen Kapellen den Namen der h. Gertrud führen, wie es 
z. B. mit der oben genannten Kapelle bei Treptow a. d. R. der Fall ist.
        

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