Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1489756
656 
Kunstgeschichte. 
Pommersche 
doch die Begebenheiten und Personen in einer so vollendeten plastischen 
Klarheit darzustellen weiss, dass sie den Leser wie ein unabhängiges Er- 
zeugniss dichterischer Phantasie fesseln_ Wesentlich trägt hiezu freilich 
die unübertreifliche Anmuth bei, mit welcher Kantzow den niederderltschen 
Dialekt behandelt, so dass seine Sprache sich wie in herodotisehem Flusse 
bewegt. Gewiss ist diese Chronik das schönste von allen Werken ähn- 
licher Art, welche Deutschland besitzt. Auch muss der Umstand hervor- 
gehoben werden, dass viele der einzelnen Erzählungen, welche sich theils 
bei Kantzow selbst, theils bei seinen späteren Bearbeitern finden, auf eine 
Weise gefasst sind, dass sie durchaus dem 'l'reillichsten, was die italieni- 
sche Novellenliteratur hervorgebracht hat, zur Seite stehen. 
Ich will indess gern zugeben, dass die eben angeführten poetischen 
Momente.  wenn sie auch nicht anders, als aus einem dazu geeigneten 
Boden hervorgehen konnten, -'doch nur als vereinzelte Zeugnisse da- 
stehen. Ungleich reicher tritt uns der Sinn für eine edle und würdevolle 
Gestaltung des Lebens in den zahlreichen Werken der Kunst entgegen, die 
sich in Pommern, trotz so vielfacher verheerender Stürme, erhalten haben 
und denen die vorliegende Arbeit gewidmet ist. Denkt ihrer die bisherige 
geschriebene Kunstgeschichte nicht," findet sich auch sonst in den vorhan- 
denen Nachrichten der pommerschen Geschichte, selbst in den bekannt 
gewordenenUrkunden, kaum eine oder eine andre flüchtige Notiz über diese 
Werke oder über ihre Meister, tragen die Werke selbst nur in seltenen 
Fällen ein schriftliches Zeugniss über ihren Ursprung an sich, so genügt 
doch  und mehr als alle diese äusseren Vermittelungen  ihre blosse 
Existenz hinreichend, um in ihnen den belebenden Prometheusfunken zu 
erkennen, der auch in diesem germanischen Grenzlande gezündet und die 
Gemüther für höhere und innigere Zwecke des Lebens erwärmt hatte. 
Bald nach der Einführung des Christenthums in Pommern, und vornehm- 
lich seit der Umwandlung des Landes zu seiner ursprünglichen Bestim- 
mung  seit seiner neuen Germanisirung  entwickelt sich hier eine künst- 
lerische Thätigkeit, die den Kunst-Unternehmungen des übrigen Deutsch- 
lands ehrenvoll zur Seite steht. Zwar wird auch schon in slawischer Zeit, 
durch verschiedene Missionsberichte, mancher künstlerischen Werke ge- 
dacht: die Tempel der Hanptgötter erglänzten in bunten Farben, die Götter- 
bilder waren zum Theil auf knnstreiche Weise zusammengefügt; auch hat 
der getreue Boden des Landes viele Arbeiten der heidnischen Vor-zeit be- 
wahrt. Die letzteren indess stehen noch auf so einfacher Culturstufe, jene 
Berichte sind so wenig genügend und scheinen auch gerade keine höhere 
Kunstbildung zu verrathen, endlich trägt Alles, auch das Früheste, was 
von eigentlichen Werken der Kunst vorhanden ist, so entschieden das Ge- 
präge des deutschen Geistes, dass man eben nur mit dem neuen Auftreten 
des letzteren die erfolgreiche Darstellung eines wirklichen Kunstlebens be- 
ginnen kann.  
Der Anfang einer wirklichen pommerschen Kunst fällt demnach in die 
Zeit um den Schluss des zwölften Jahrhunderts. Es ist dies jene merk- 
würdige Krisis, die gerade die Entwickelungsmomente eines höheren Auf- 
schwunges der Kunst in sich begreift; es ist die Zeit, in welcher die Ar- 
beiten eines sogenannten byzantinischen Styles in ihrer höchsten Vollen- 
dung und in ihrem Verfall erscheinen, während sich gleichzeitig ein neuer, 
die Blüthe des germanischen Mittelalters bezeichnender Styl (den man in 
der Baukunst als den gothischen benennt) aus ihnen zu entwickeln beginnt;
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.