Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1489739
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Pommersche 
mstgesehichte 
Es mag sein, dass die Natur des pommerschen Volkes minder ge- 
schmeidig organisirt ist, als die mancher anderen Stämme? daraus folgt 
alter gewiss nicht, dass es auch müsse arm gewesen sein an Sinn für 
Schönheit und Poesie, die allein dem Leben seine edlere Gestalt geben, 
und dass es keine genügende Kraft besessen habe, Beides zu einer höheren 
Vollendung zu entwickeln. Tritt doch schon in der allgemeinen Geschichte 
von Pommern poetisches Element genug hervor! Jene Kaufherren. deren 
Flotten die nordischen Meere beherrschten; jene Städte, vor deren Mauern 
die verbündete Macht von Fürsten und Herren vergeblich lagerte; die 
humoristische Laune, mit der so oft die kleinen Abenteuer in Krieg und 
Frieden ausgeführt wurden; die tragischen Verwickelungen, die sich häufig 
genug durch den unzähmbaren Freiheitsdrang des Bürgerthums bereiteten,  
dies und vieles Andere sind Erscheinungen, die sich bei keinem Volke 
finden, dem der höhere Gehalt des Lebens fremd geblieben ist. Und wie 
lange eine solche Sinnesrichtung angehalten, zeigt vor Allem das Beispiel 
Stettins; die heldenmüthige Ausdauer, mit welcher die Bürgerschaft dieser 
Stadt die furchtbare Belagerung des Jahres 1677 ertrug, wird durch keine 
politischen Gründe genügend erklärt, wohl aber durch den poetischen 
Geist, der allein zu so denkwürdigen Thaten treiben konnte. 
Aber auch in Sprache und Wort kündigt sich mannigfach die poe- 
tische Auffassung und Gestaltung des Lebens an. Konnte Pommern an 
dem wundersamen Aufschwunge der deutschen Poesie im dreizehnten Jahr- 
hundert nur auf untergeordnete Weise Theil nehmen,  denn dies war 
die Periode, in welcher hier deutsches Wesen und deutsche Cultur erst 
gegründet wurden,  so linden sich gleichwohl mancherlei Zeugnisse. 
dass es diesem Aufschwnnge nicht müssig und theilnahmlos zugesehen. 
Die schöne Nachblüthe des Minnegesanges in der späteren Zeit und ani 
Schlusse des dreizehnten Jahrhunderts, die vornehmlich dem nordöstlichen 
Deutschland angehört, reicht auch nach Pommern herüber. Fürst Wizlav  
der Junge, von Rügen, der letzte seines Geschlechtes, trat selbst in den 
Reigen der Minnesinger ein und beschloss den Kreis der Fürsten, welche 
die edle Kunst des Minnegesanges geübt, auf würdige Weise. Die Jenaer 
Minnesinger-Handschrift führt 17 Lieder unter seinem Namen auf; die 
ganze Holdseligkeit und ebenso auch der tiefe Ernst, welche die lyrische 
Poesie Deutschlands im dreizehnten Jahrhundert charakterisiren, klingen 
wunderbar anregend durch seine Lieder. Dazu kommt, dass auch seine 
für einen hellen Tenor componirten Melodieen  die Dichter erfanden 
damals die musikalische Form des Liedes zugleich mit der poetischen  
sich in anmuthvollem Wohllaute bewegen und sich selbst durch leben- 
digen Fluss und durch die Andeutung individueller Stimmung, vor der 
Mehrzahl der bekannten Minnesinger-Melodieen vortheilhaft auszeichnen. 
Andre Minnesinger jener Zeit lassen den Preis des „_jungen Helden in 
Rügenland" laut erschallen. Der Goldener erzählt von einem Kranz, der 
im Ehrengarten von allen Tugenden gewunden und durch den Ausspruch 
edler Frauen für Wizlav bestimmt ward; Meister Frauenlob rühmt ihn in 
kunstreicher Canzone als die Blume aller Zucht und Tugend, und berich- 
tet, dass sein Lob bei den fahrenden Singern weit verbreitet Sei.  Aber 
auch andre pommersche Herren werden von gleichzeitigen Minnesingern 
höchlich gepriesen und erscheinen dadurch ebenfalls in persönlichem Ver- 
hältniss zu den Dichtern und ihrer Kunst. So rühmt Hermann Damen 
mehrfach den Johann von Gristow und seinen Bruder, Verwandte des
        

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