Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1489097
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Quedlinburg etc. 
zu 
Schlosskirche 
(dass nemlich der Brand die Kirche nicht zerstört, sondern nur die ange- 
führten Restaurationen nöthig gemacht habe), sowie sie selbst durch jene 
Umstände ebenfalls ein um so grösseres Gewicht erhält. 1) 
Ungefähr in dieselbe Zeit scheint sodann auch die Schlosskirche von 
Gernrode zu gehören. Doch bietet diese, in Bezug auf die Zeitbestimmung 
ihrer einzelnen Theile, einige eigenthümliche Schwierigkeiten dar, die 
ohne die speziellsten Durchforschungen ihrer baulichen Beschaffenheit nicht 
gänzlich zu lösen sein dürften. Dass zunächst der in ihrem südlichen Sei- 
tenschiif vorhandene Einbau, welcher das Innere ihrer Erscheinung we- 
sentlich beeinträchtigen musste und welcher ohne Zweifel in der späteren 
Zeit des elften Jahrhunderts ausgeführt ward, auch ihre Erbauung in eine 
ähnlich frühere Zeit zurücksetzt, wie denn auch der Charakter des Ge- 
bäudes im Allgemeinen mit dem der Schlosskirche von Quedlinburg und 
der von Wester-Gröningen übereinstimmt,  dieser Schluss scheint in sich 
genügend gerechtfertigt. Aber der Umbau, welcher hier ausserdem noch 
am westlichen Theil der Kirche Statt gefunden hat, macht die Sache ver- 
wickelter. An sich selbst nemlich scheint derselbe in der rohen Weise, in 
welcher er ausgeführt ist, schon in eine beträchtlich frühe Zeit zu gehören; 
dann aber finden wir hier (vergl. die Beschreibung der Kirche) gewisse 
Spuren, welche auf die beabsichtigte Anlage einer neuen Gruftkirche an 
dieser Stelle hinzudeuten scheinen. War nun jener Einbau im südlichen 
Seitenschiti (welcher unstreitig zu einer zweiten Gruftkirche bestimmt war) 
bereits vorhanden, so dürfte die Absicht, noch eine dritte der Art anzu- 
legen, allzu unwahrscheinlich sein; in diesem Betracht können wir nicht 
anders, als die Zeit dieses westlichen Umbaues vor die des eben ange- 
führten Einbaues im Seitenschiff, d. h. in eine frühere Zeit des elften Jahr- 
hunderts, setzen 2); und wir müssen demzufolge die ursprüngliche Anlage 
der Kirche, die durch diesen Umbau so durchgreifend verändert ward, 
i) Auffallend bleibt hiebei nur der Umstand, dass, wie oben (S. 549) in der 
Beschreibung der Unterkirche bemerkt wurde, die Säulen der letzteren mehrfache 
Zeugnisse einer nicht gänzlich vollendeten Arbeit enthalten. Jedoch reicht dies 
auf keine Weise hin, um deshalb die Richtigkeit der obigen Annahme zu be- 
zweifeln. Wir können eine ganze Reihe von Möglichkeiten, durch welche ein 
solcher vorzeitiger Abschluss der Arbeiten veranlasst worden, ersinnen, ohne frei- 
lich, bei dem Mangel anderweitiger historischer Nachrichten, hiebei auf einen 
sicheren Weg geleitet zu werden. 
z) Bei dem sächsischen Annalisten und dem Chronikon von Quedlinburg 
findet sich (vergl. Erath, Cod. dipl. Quedl. p. 67.) die Angabe, dass das  
nasterium Geronroth etc." im J. 1014 der Aebtissin Adelheid von Quedlinburg 
übergeben worden sei (obgleich freilich in den Urkunden über Gernrode bei 
Beckmann, s. unten, nichts der Art geäussert wird.) Dürfte es erlaubt sein, sich 
auf diese Angabe zu stützen. und in Folge eines solchen, vielleicht vorübergehen- 
den Ereignisses neue rituelle Einrichtungen, welche den Bau eines zweiten Chores 
auf der Westseite nöthig gemacht, anzunehmen?  Leider ist noch immer so 
wenig über den eigentlichen Zweck der so häufig vorkommenden w estlichen 
Ohornischen bekannt! Doch mag beiläufig erwähnt werden, dass Rodolph, 
der Schüler des Rabanus Maurus, in seiner vita Hrabani, bei Gelegenheit 
der Kirehenbauten seines Meisters, mehrfach von einer "apSiS orientalis" spricht, 
wo Altäre und Reliquienkasten aufgestellt wurden. Sollte diese ausdrück- 
liche Bezeichnung vielleicht bereits in jener Zeit auf eine apsis occidentalis 
hindeuten?
        

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