Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1488862
Geschichte 
der Schlosskirche. 
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aus den ältesten Zeiten beruht, so ist dieser Tag unbedenklich als der 
Tag der Weihe anzunehmen.   
Die Gebeine Heinrich's waren seitdem ein höchst werthvoller Besitz 
dieser Kirche. Mathilde blieb ihrem Gatten unveränderlich treu, widmete 
seinem Andenken die noch übrigen Tage fhres Ifebens: und verweilte oft 
an dem Orte, an welchem sie mit inniger hebe hmgv und WO auch Sie einst 
nach vollendeter Lebensbahn ihr Grab zu finden sich sehnte Ü- Ihre Fröm- 
migkeit, Demuth und Wohlthätigkeit fand da auf lange Jahre hin eine er- 
wünschte Stätte freudiger Entfaltung.  
Denn in der Kirche brachte sie den grössten Theil des Tages zu2). 
Auch des Nachts, wo Alles sich der Ruhe hingab, erhob sie sich nicht 
selten in ihrem der Kirche benachbarten Schlafgemach, und betrat die- 
selbe unbemerkt und nur von einer vertrauten Dienerin begleitet, um dort 
betend und die heilige Schrift lesend zu verweilen. Gegen die Zeit des 
nächtlichen Gottesdienstes entfernte sie sich zwar, kehrte aber, sobald das 
Zeichen dazu gegeben war, wieder in das I-leiligthum zurück, und verweilte 
darin auch nach dem Weggehn der Uebrigen, bis die Morgenröthe anbrach. 
Dann erst legte sie sich wieder zur Ruhe nieder, jedoch nur so lange, bis 
das Geräusch der herannahenden Armen, welche aus ihrer Hand Nahrung 
und Kleidung zu empfangen pflegten, sie weckte. Nachdem sie in dem 
frommen Glauben, dass sie die Hungernden speisend, und die Nackenden 
kleidend, Christo dieses Alles erweise, dies Geschäft verrichtet hatte, ging 
sie wieder zur Kirche, hörte die Messe und blieb dann von früh bis Abend 
ununterbrochen in ihrer edlen rastlosen Thätigkeit. 
Gewisse Tage feierte sie besonders; vor Allem den Todestag ihres 
Gatten, nicht nur bei seiner jährlichen Wiederkehr, sondern auch an jedem 
Sonnabend 3), weil er an einem Sonnabend gestorben war. Bei der Jahresfeier 
desselben war sie beständig mit Werken der Liebe beschäftigt. Ein Bad 
zum Fusswaschen für Arme und Fremde machte am Morgen den Anfang; 
bisweilen verrichtete sie es selbst, bisweilen liess sie es durch ihre Die- 
nerinnen verrichten. Dann theilte sie Speise und Kleidung an die Gegen- 
wärtigen aus, und sendete Abwesenden, die wegen Krankheit nicht erschei- 
nen konnten, jede nur mögliche Erqnickung. Als sie endlich selbst an 
einem Sonnabend starb, sahen diejenigen, welchen sie Wohlthaten erwiesen 
hatte, darin eine Gnade und Belohnung Gottes. 
Sogar wunderbare Ereignisse werden aus ihrem Leben in Quedljn- 
burg berichtet, und geben Zeugniss von der Reinheit ihres Lebenswandels, 
durch welchen das Bild glänzte, das von ihr in der Seele ihrer Zeitgenossen 
lebte. Einst feierte sie, so erzählt ihr frommer, gläubiger Biograph, mit 
grosser Zurüstung den Tod ihres Gatten, und eine so grosse Menschenmenge 
strömte von allen Seiten zusammen, dass man sie nicht zu zählen vermochte. 
Die Königin, durch die Ankunft derselben hoch erfreut, liess einige auf 
dem Gipfel desBerges, andere in der Tiefe des Thales sich lagern; jenen reichte 
sie die Speise selbst; diesen wurde sie von andern zugetheilt. Aber schon hatte 
Sie Alles, was ihr zu Gebote stand, aufgewendet, und noch hatten die, welche 
sich im Thale befanden, die ihnen bestimmte Gabe nicht empfangen"). 
 Vit. Mathild. p. 925. seqq. beiuErath. 
2) Vit. Mathild. p. 932. vgl. mit Wittekind Gorbeiens. 1. III. p. 662. 
3) p. 937 .seq. (nicht an einem Sonntag,wie jetzt ProiGiesebrecht dargethan hat.) 
"j vadhuc tortum panem non perceperant, qui in valle Sedebant" p, 937,
        

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