Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1487674
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Berichte 
und 
Kritiken. 
endung desselben mit gutem Recht in diese Zeit setzen. Die Schnitzbilder 
des Altarwerkes sind in einem, in allgemeiner Beziehung tüchtigen Style 
gearbeitet, doch ohne tiefere Bedeutung; die Gemälde sind es, welche das 
lebendigere Interesse des Kunsttreundes erwecken. Es sind grossartig feier- 
liche Gestalten, in einem edeln, würdigen Style gezeichnet, mit einer leichten, 
geistreich andeutenden Praktik, wie gewöhnlich die grösseren deutschen 
Altarblätter der Zeit, gemalt, zugleich aber die einzelnen Köpfe mit grosser 
Sicherheit modellirt. Ueberraschend ist es, wie man hier anscheinend ver- 
schiedene Auffassuugsweisen der deutschen Schulenjener Zeit durcheinander- 
spielen sieht. Während nemlich einzelne Figuren in ihrer Gesammt-Er- 
scheinung an Albrecht Dürer's grossartige Linien erinnern, findet man in 
einigen Köpfen jene ernste, tief gemüthvolle Charakteristik wieder, welche 
Zeitblom's Bildern eigen ist; in andern dagegen einen Hauch der eigen- 
thümlich weichen Milde, welche vorzugsweise in den Darstellungen der 
älteren niederrheinischen Schule gefunden wird, und zugleich nicht minder 
bedeutende Anklänge  in der Auffassung des Einzelnen sowohl als vor- 
nehmlich in der Behandlung der Stoffe  an die Manier des Lucas Cranach. 
Gleichwohl einigen sich diese verschiedenartigen Elemente vollkommen 
harmonisch zu einem treftlichen Ganzen, und die letzterwähnte Eigenthüm- 
lichkeit, welche im Aeusserlichen dieser Bilder vorherrscht, dürfte vor- 
nehmlich dazu dienen, die sächsische Schule des Meisters zu bestimmen. 
Leider ist die Geschichte der deutschen, namentlich der norddeutschen 
Malerei bisher nur erst so ungenügend untersucht und gewürdigt, dass es 
zur Zeit nicht wohl möglich sein möchte, etwas Bestimmteres über den 
Künstler, der. ein so beachtungswürdiges Werk geliefert, zu ermitteln. 
Wohl bewahrt unser nächstes Vaterland hier und dort recht interessante 
Werke derbildenden Kunst, die es beweisen, dass auch in diesen Gegenden 
ein reineres Gefühl und ein edleres Gemüth sich in anmuthvoller Gestalt 
zur Erscheinung herauszubilden vermochten; aber eine, nur einigermaassen 
befriedigende Uebersicht ist bis jetzt noch nicht gewonnen, und die Resul- 
tate einer solchen müssen noch der Folgezeit anheim gestellt bleiben. 
Zu den Seiten dieses Altarschmuckes sind gegenwärtig zwei zusammen- 
gehörige Tafeln mit einer bedeutenden Anzahl geschnitzter Heiligengestalten 
in einfachem altgothischem Style angebracht. Neben diesen zwei ebenfalls 
zusammengehörige Schreine mit grösseren Figuren,  Christus und Maria, 
verschiedene Heilige zu ihren Seiten,  die sich durch die edle Entwicke- 
lung eines weichen gothischen Styles, wie derselbe um das J. 1400 herrschend 
war, auszeichnen. Unterwärts, zu den Seiten des Altares, bemerkt man 
noch zwei lebensgrosse hölzerne Belief-Figuren, Maria und Johannes, im 
Style des vierzehnten Jahrhunderts, die in ihrer Art auch nicht ohne gutes 
Gefühl gearbeitet sind. Die trauernde Stellung beider deutet an, dass sie 
zu den Füssen eines Crucilixes standen, ohne Zweifel desjenigen, welches 
in seiner alten Beschaffenheit hinter dem Altare aufgestellt ist. 
Unter den zahlreichen alterthümlichen Werken, welche in dem abge- 
Diese letztere Angabe könnte über die Herkunft des Werkes zu Resultaten führen. 
Für den Dom scheint dasselbe hienach nicht ursprünglich gearbeitet zu sein, 
eben so wenig jedoch auch fiir die im vorigen Jahrhundert vernichtete Marien- 
kirche, von woher es nach einer unverbiirgten Sage stammen soll. (In dem, weiter 
unten erwähnten Programme vom J. 1849 wird mit Bestimmtheit angvgßbßfl, 
dass das Altarwerk früher in der Marienkirche befindlich gewesen und im J. 
1723 in den Dom gekommen sei.)
        

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