Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1487297
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und 
Berichte 
Kritiken. 
den Lasuren, dem kecken Pinsel und dergl. reden mögen. Teniers Bilder 
z. B. haben mich nur selten angesprochen, weil ich statt des Humors, den 
seine Bauern aliektiren, fast überall nur dieselben plumpen Grimassen dar- 
gestellt sah. Rubens, so genial er in einem Theil seiner WVerke erscheint, 
wird mich immer anwidern, wo er, wie in seinen Bacchanalen, seinen 
jüngsten Gerichten u. dergL, nichts als brillante dicke Fleischmassen 
verführt.  
Später geht der Verf. zur Architektur über, der auch schon früher, 
bei Gelegenheit des Strassburger Münsters, einige Seiten gewidmet waren. 
Diese Kunst jedoch bleibt ihm fremder wie alles Uebrige. „KVelch ein 
WVunder sah ich vor mir!" (so ruft er beim Anblick des Strassburger Mün- 
sters aus) "Das Ungeheure durch klar gegliedertes Maass gebändigt, die 
kalte Starrheit anmuthsvoll bewegt, der unergründliche Ernst der Andacht 
von Grazie umspielt," u. s. w.  Diese WVorte enthalten nichts als eine 
Umschreibung dessen, was man überhaupt unter dem Begriffe Kunst ver- 
steht; es ist dem Verf. also an jener Stelle nichts weiter klar geworden, 
als dass die Architektur eine Kunst sei. Daran möchte man aber bei einer 
späteren Stelle wieder zweifeln. Indem er nemlich von der Schwierigkeit, 
zum wahren Verständnisse der Architektur zu gelangen, spricht, so fährt 
er fort: „Sein ganzes Innere aber thut der Geist nur in seiner eigenen leben- 
digen Gestalt und in den eigenen Tönen seiner Empfindung kund; die 
todte Natur und ihre architektonisch umgewandelten Formen vermag (ver- 
mögen) dem Geiste nur ein halb verwandtes, halb entfremdetes Abbild 
seiner Vorstellungen und Gefühle hinzustellen."  Die Architektur hat es 
also nur mit Formen der todten Natur zu thun! Ich meine, dass gerade 
die Formen der Architektur nichts mit der äusserlichen Natur zu schaifeir 
haben, sondern eben das Innere des Geistes „in seiner eigenen lebendigen 
Gestalt" repräsentiren. Das Stück Luft, welches von der Flöte umschlossen 
ist, die auf der Geige aufgespannte Darmsaite sind auch nur todte Natur: 
da kommt der lebendige Geist hinzu und macht sie vibriren, und nur dann 
erst thun auch sie "die eigenen Töne seiner Empiindung" kund. 
Bei solcher Ansicht wird es denn auch nicht befremden, wenn der 
Verf. in der Architektur, die jedem offenen Sinne offen ist, die vschwergtgn 
symbolischen Räthsel zu lösenu findet; wenn er, indem es ihm an Kennt- 
niss der Einzelheiten fehle und er auch nicht "mit praktisch Baukundigen 
die weite Welt durchforsehen" könne, sich naiv auf das Gebiet der gothi- 
schen Baukunst (der schwersten unter allen!) beschränkt; und wenn e,- den 
Thurm des Strassburger Münsters, der, wie Jedermann bekannt ist, gar 
nicht zu den übrigen Theilen der Facade gehört, eben aus jenen heraus 
zu deduciren weiss.
        

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