Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1487231
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Berichte und Kritiken. 
anbetrifft, so hat S. entschieden Recht, sofern er die Unzulänglichkeit jener 
von Gr. aufgestellten charakteristischen Verschiedenheiten de!" altattischen 
und äginetischen Schule nachweist, und allerdings entbehrt hiemit der 
weitere, wenngleich mit kunstverständiger Combination dargestellte Ent- 
Wickelungsgang dieser Schulen seines ersten Grundes. Dagegen scheint 
inir die Charakteristik des Myron, wie sie Gr. nach Plinius Worten giebt 
ungleich näher zu liegen, als wie S. diese verstanden wissen will; und 
das Beispiel des Polyklet, den S. gegen Grfs Annahme anführt, passt 
nicht, da dieser den Statuen nur keine steife Ruhe, Myron dagegen eine 
complicirte Bewegung gegeben haben soll. Der Grundsatz aber, welchen 
S. anführt, um dem Myron (im Gegensatze gegen Gr.) eine spätere Ent- 
wickelungsstufe als dem Phidias zuzuertheilen:  dass dem Geiste nach 
die mannigfaltig angewandte und weit getriebene Naturnachahmung, welche 
dem Myron nachgerühmt wird, auf jenen ldealstyl, den Phidias zur Voll- 
endung reinigte, erst so zu folgen pflege, wie der Erguss in die Breite auf 
die Culmination, - entbehrt seines philosophischen und historischen Grun- 
des. Das funfzehnte Jahrhundert beweist, in der Geschichte neuerer Kunst, 
das entsehiedenste Gegentheil. Die Form muss nach allen ihren Seiten hin 
erst ergründet und verstanden,  also die mannigfachste Naturnachahmung 
angewandt sein,  ehe sie zur freien Schönheit des Ideales erhoben 
werden kann. Hernach geht es natürlich wiederum in die Breite, aber auf 
andere Art und bei einem so bedeutenden Meister wie Myron vielmehr 
mit übertriebenem Ausdruck der Affekte im Gesicht, als mit dem Mangel 
derselben. 
S0 bleibt .Gr.'s Hypothese, welche das Werkchen in die Zeit und Schule 
des Ageladas (Myron's Meister) setzt, immer noch ansprechend und geist- 
reich, wenn freilich auch noch Vieles fehlt, um es bis zur Evidenz zu 
erweisen, und wenn sich auch, wie Gr. selbst ausspricht, bei den Beschä- 
digungen, die die Figur erlitten hat, noch weniger entscheiden lässt, ob es 
ein wirkliches Original oder nur die genaue Copie eines solchen sei. S. 
fordert hiegegen „vor allen Dingen" den Erweis: entweder, dass jene 
Schule selbst solche Statuetten gearbeitet, oder, dass unter solchen kleinen 
Bronzen Nachbildungen so alter Werke nicht ungewöhnlich seien. Aller- 
dings würde ein solcher Erweis (der sich, wie S. darthut, nicht führen lässt) 
keineswegs unwichtig gewesen sein, jedoch auch nicht entscheidender, als 
perlenförmige Haarlöckchen für das höhere Alterthum; vor allen Din- 
gen aber war ein äusserlicher Erweis bei anderweitig inneren Gründen 
gewiss nicht nöthig.  
Was endlich die Verhandlungen über die Bedeutung der Figur an- 
betriift, so hat S. wiederum ganz Recht, wenn er Gr. tadelti dass dieser 
auf die nächstliegende Vermuthung, die Figur stelle das Siegesbild eines 
wagenlenkenden Fürsten dar, der eben um die Meta führt, nicht weiter 
eingegangen ist. Auch ist seine eigene Durchführung dieser Hypothese fast 
befriedigend; nur sind ein Paar kleine Punkte übersehen, die am Ende 
doch als besondere Sehtvierigkeiten erscheinen dürften. Die vorgestreckte 
Rechte der kleinen Figur nämlich kann nicht, wie S. will, den Zügel der 
rechtstehenden Pferde, noch sonst etwas, emporgehalten haben, da sie, 
obgleich die Fingerspitzen fehlen, sich doch entschieden als flach ausge- 
streckt zeigt; und für ein gewöhnliches Fahren, wenn auch im Wettrennen, 
dürfte schon diese Bewegung zu heftig erscheinen. Sodann müssten die 
PfPYde-r wie S. aus vielen Münzen dargethan, schräg stehend-INS äuSSerste
        

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