Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1487214
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Berichte u: 
Kritiken. 
Kennzeichen allein nichts entscheiden und dergleichen auch oft an Werken 
späterer Kunst vorkommen kann. Nur dürfte seine Annahme:  "der 
Künstler habe andeuten wollen, seine Figur stelle einen Heros alter Art 
vor, zu welcher Andeutung, bei Abwesenheit der Kleidung, Helm und 
Haar alterthümlichen Styls das nächste Mittel war,"  sehr wenig genügen. 
Ich glaube nicht, dass die alten Heroen ihre Haare in Reihen kleiner Knöt- 
chen getragen haben, und glaube noch viel weniger, dass ein alter Künst- 
ler (falls er wirklich diesen Namen verdient) einen solchen unkünstlerischen 
Glauben gehabt hat. Noch weniger genügen einige der von S. angeführten 
Beispiele. Er sagt, dass die in hieratischem Style gehaltenen Statuen der 
Pallas und Artemis im Museum zu Neapel, trotz der alterthümlichen Arbeit 
in Haaren und Gewand, doch bereits die Zeit der hochentwickelten Kunst 
verrathen. Ich weiss nicht, wer hierin sein Berichterstatter war. Allerdings 
sind jene Statuen unendlich mehr entwickelt als die Aegineten, sind, wenig- 
stens die Artemis, wunderbar schön und anmuthig, aber es herrscht darin 
noch eine gewisse naive Befangenheit, die eben mit der nhoehentwickelten" 
Kunst verschwindet. Sie verhalten sich zu den bekannten Werken aus 
Phidias Zeit ungefähr wie Raphaels Sposalizio zu seiner Sixtinischen 
Madonna 1). Somit ist hier das Vorkommen alterthümlicher Anordnung in 
Gewand und Haaren noch ganz in der Ordnung. Ebenso kann es sich 
auch mit denjenigen Beispielen verhalten, die S. mit Winckelmamfs Wor- 
ten anführt und die  bei so ungenügender Beschreibung  noch gar 
keinen Gegenbeweis liefern. 
Zu der alterthümlichen Gesichtsbildung und den Haaren der Tübinger 
Bronze kommt aber noch Einiges, was älteren Arbeiten gemein zu sein 
ptlegt. Für's Erste, was in Gr.'s Beschreibung ebenfalls nicht entschieden 
genug ausgesprochen ist und vornehmlich erst recht ins Auge springt, wenn 
man die Figur im Profil betrachtet: die stärkere Schwellung der Ober- 
schenkel nach hinten zu,  ein Umstand, der bei allen nackten Figuren 
älteren Styles (und meist in noch viel stärkerem Grade) auffällig ist. Ferner, 
was schon eine Betrachtung der sonst nicht recht genügenden Lithographie 
giebt, eine gewisse eigenthümliche Schüchternheit und Befangenheit,  nicht 
nur die eines besonderen, dargestellten Momentes, nicht die eines noch 
schülerhaften Künstlers,  sondern wie sie gerade den Arbeiten früherer 
Kunstperioden eigen zu sein pflegt; so dass die Figur, trotz ihrer sehr com- 
plicirten Bewegung und der feinen naturgetreuen Ausführung des Einzelnen, 
doch noch eine gewisse-Steifheit nicht verläugnet. 
Nach alledem aber könnte die Bronze immer noch ein Werk späterer 
Zeit sein und S. ermangelt wiederum nicht, Beispiele zu nennen. Nur 
sind diese Beispiele wiederum, wenigstens für den vorliegenden Zweck, 
unpassend gewählt. So führt er zuerst die in andrer Beziehung sehr inter- 
essante Bronzetigur eines guten Hirten an, die sich im- Berliner Museum 
befindet und bezeichnet sie als im nstrengsten" alten Styl gearbeitet Bei 
dem Kopfe ist das wirklich der Fall und die Anordnung der Haare ent- 
spricht auffallend den unbedeckten Köpfen der äginetischen Statuen. Auch 
1) Beiläufig bemerke ich jedoch, dass mir die Pallas wie die spätere 
Oopie irgend eines älteren Originales vorkommt, besonders in dem durchgehend 
üaueren und flacheren lsüxltenwurfe. Auch ist das Gesicht nicht mehr typisch 
(wie noch das der viel schöneren kleinen Artemis), und der Medusenkopf auf 
der Aegide hat schon etwas von spätrömischer Manier.
        

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