Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486898
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Italienische 
Studie: 
sich ein eigenthümlicher (freilich noch nicht durchgebildeter) Schönheits- 
sirm, sowie die glücklichste Auffassung der Natur, vom Ernsten und Tra- 
gischen bis zur spielenden Unbefangenheit eine_s naiven Humors; und erst 
bei einer solchen Naturauffassung versteht man es, warum Giotto von seinen 
Zeitgenossen so gerühmt ward und wesshalb man sagen konnte, dass er die 
Menschen male, als ob sie lebten. Für die Aechtheit der Bilder ist zwar 
zur Zeit noch kein weiteres äusseres Zeugniss vorhanden als (soviel ich 
weiss) Vasari's Bericht; doch möchte aus den Gemälden selbst schwerlich 
ein Zweifel zu entnehmen sein. Freilich geben sie einen höheren Begriff 
von dem Charakter des Meisters als jene unbedeutenden Staifeleibilder in 
der Brera zu Mailand 1) und in S. Croce zu Florenz, die seinen Namen 
führen. Er erscheint nach ihnen keinesweges als ein nüchterner Geschäfts- 
meusch, wie man ihn dargestellt hat, sondern als ein wahrer Künstler, frei- 
lich als ein männlicher, ohne Sentimentalität, ohne Schwärmerei, als einer, 
der das Leben in seiner tiefsten Bedeutung fühlt und sein Gefühl in Gestal- 
ten auszusprechen weiss:  aber ich glaube, dass eine solche Kunst über- 
haupt am Edelsten und Nachhaltigsten wirkt.  Die Deckengemälde in 
der lncoronata sind, wie gesagt, sehr bequem zu besehen; auch sind sie 
gut beleuchtet und, bis auf einzelne oben angeführte Stellen, sehr wohl 
erhalten, namentlich durch keine Restauration entstellt; es wäre somit 
eine sorgfältige Zeichnung derselben ebenso leicht ins Werk zu richten, 
als ihre Herausgabe den Freunden älterer Kunst gewiss höchst erfreu- 
lich sein würde. 
Ausser den genannten enthält dasselbe Kirchlein noch andre Malereien 
ans dem vierzehnten Jahrhunderte, die man ebenfalls dem Giotto zuzu- 
schreiben ptlegt; so im linken Seitenschiff eine Madonna mit dem Kinde im 
Style des Meisters,- deren Kopf sehr schön ist  vielleicht ein Restgrös- 
serer WVandmalereien. Die Kapelle des Crucifixes ist ganz und gar mit 
Malerei bedeckt, die jedoch sehr verdorben ist, so dass man nur noch hin 
und wieder heilige Darstellungen erkennen kann. Die im Gewölbe und in 
den Lürietten sind von einem, dem Giotto verwandten, aber schon freieren 
Meister; die grossen Gemälde auf den Wänden sind vom Ende des funf- 
zehnten Jahrhunderts.  Von den grossen Wandmalereien in S. Chiara, 
zu deren Ausführung Giotto eigentlich nach Neapel berufen ward, und in 
denen verschiedene Scenen aus dem Leben der heiligen Jungfrau, des hei- 
ligen Franciscus und der heiligen Clara dargestellt waren, sieht man gegen- 
wärtig nichts als an einem Pfeiler des Mittelschifles die halbe Figur einer 
Maria, die das Kind an der Brust trägt; auch hier ist die Jungfrau durch 
einen sehr anmuthigcn Kopf ausgezeichnet. Gewiss würden auch diese 
geringen Ueberbleibsel bei der schnöden Modernisirung der Kirche das 
Schicksal der übrigen Malereien getheilt haben, hätten sie sich nicht durch 
Mirakel die Ehrerbietung, auf die ein simples Kunstwerk keinen Anspruch 
machen durfte, zu erhalten gewusst; der überreiche mexikanische Putz, die 
WVachsköpfe, Brüste und andren Ex-votos, womit das Bild behängt ist 
bezeugen das Interesse der Neapolitaner für Giotto's Madonna.  In S1 
Dornenico maggiore, in der Kapelle des heiligen Antonius Abbas, sieht man 
1) Die Seitenbilder dieses Gemäldes, oüenbar von derselben Hand, befinden 
sich in der Pinakothek von Bologna. Das Mittvlbild ward dieser Gallerie erst 
von den Franzosen entführt. Das Ganze befand sich früher in der Kirche S. 
Maria degli Angioli zu Bologna.
        

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