Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486832
368 
Studien. 
Italienische 
Vieles in den Eigenthümlichkeiten der ersteren wird erklären lassen. Lci 
der haben genauere kunstgeschichtliche Forschungen bisher nur das mittlere 
Italien zu ihrem Gegenstande gehabt; es ist zu wünschen und zu hoffen. 
dass nun auch bald dieser Theil des nördlichen Italiens an die Reihe kom- 
men möge. Mir war auf dieser Reise nicht Zeit und Musse gegönnt, um 
spezielle Untersuchungen der Art anzustellen; doch habe ich hin und 
wieder Gelegenheit gehabt, ältere Freskomalereien zu sehen, in denen ich 
bereits jene Weichheit, Zartheit und Innigkeit, je nach den Epochen, 
welchen sie angehörten, moditicirt, zu erkennen im Stande war. Statt 
mehrerer nenne ich hier nur Bcispielweise eine schöne Wandmalerei auf 
Goldgrund, welche sich über dem Eingangs zur Kapelle des heiligen Petrus 
Martyr in S. Eustorgio zu Mailand befindet. Doch werden hieven wieder 
mancherlei andre Eintlüsse zu sondern sein, wie deren namentlich von der 
paduanischen Schule ausgegangen sein müssen. Hieher beziehe ich nament- 
lich jenes Freskobild des Vincenzio Foppa in der Brera, Welches das 
Martyrthum des heiligen Sebastian darstellt. In diesem herrscht das strengste 
entschiedenste Studium der Form vor; die Zufälligkeiten der Natur sind 
sorgfaltigst und bis zur Komik nachgebildet, während die tiefere Auffas- 
sung des Seelenlebens minder sichtbar wird. Jener Bogenschütz, welcher 
mit der köstlichst ernsthaften Grimasse blinzelnd auf den Heiligen zielt. 
bezeichnet die Richtung des Künstlers. 
Für einen Zögling jener alterthümlichen, weichen Richtung halte ich 
hingegen den Ambrogio Borgognone, der den Köpfen seiner darge- 
stellten Personen, vor Allem den Engelknaben, eine Zartheit, Innigkeit 
und Unschuld aufzuprägen weiss, wie man wenig Beispiele der Art finden 
dürfte. In den Formen des Körpers sind seine Gestalten freilich meist sehr 
dürftig und ungeschickt. Du kennst die reizende Madonna mit dem Kinde 
und den beiden anbetenden Engeln auf den Seiten im Berliner Museum. 
Ein ähnliches Bild habe ich hier nicht gefunden; ein grosses Bild in der 
Ambrosiana, eine Madonna auf dem Throne mit vielen Heiligen und Engel- 
chen umgeben, hat nicht ganz diese Zartheit; es ist mehr Befangencs darin, 
wenngleich der Geist des Meisters unverkennbar aus diesen schönen Köpfen 
spricht. An einem Wandgemälde, welches man aussen an der Kapelle S. 
Satire sieht (Madonna mit dem Kinde). erkennt man die volle Eigenthüm- 
lichkeit und Liebenswürdigkeit des Ambrogio, obschon ich nicht behaupten 
möchte, dass das Bild überall in seiner Integrität erhalten sei. In S. Ambro- 
gio, an der Aussenmauer des Chores, nach dem Seitenschiff zu, ist ein 
andres Wandgemälde des Borgognone, ein Christusleichnam zwichen zwei 
Engeln, welches auffallende Verwandtschaft mit Bernardino Luini zeigt und 
sich schon zu dessen freierer Formenauffassung hinneigt. Unfern von letz- 
terem sind noch zwei schöne Fresken, ein krcuztragender Christus und die 
drei Marieen, deren Meister ich nicht zu nennen weiss. Es ist wohl etwas 
Verwandtes in dem tiefen, gemüthvollen Ausdrucke darin, doch deuten 
hier die erhabenen grandiosen Gestalten wiederum mehr auf einen Einfluss 
von der Seite des Leonardo; mich erinnerten diese Gestalten an die Werke 
des Sodoma, dessen eigenthümliche Bildung ja ebenfalls durch Leonardo 
begründet ist. 
Auch Gaudenzio Ferrari verläugnet. nicht seinen Ursprung aus 
jener älteren Schule, wenn gleich das Alterthümliche bei ihm bisiveilßll 
zur Phantasterei ausartet und manches Aifektirte, manches Kalte, COIIIPO- 
nirte (nach Art der römischen Schule) hinzutritt. Eine groSSC Anzahl von
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.