Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486790
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Studien. 
Italienische 
aber das grösste Interesse dadurch gewähren, dass sie vollkommen rein und 
(wie die Italiener sich ausdrückenz) jungfräulich erhalten sind. Ich erwähne 
zunächst das Portrait der Gemahlin des Ludovico Sforza, Herzogin von 
Este; es ist ein sehr zierliches Profil, einfach und schlicht gemalt; die 
Modellirung ist sehr zart, aber durchaus bestimmt durchgeführt, die Car- 
nation sehreinfach und leicht gehalten, leider jedoch in den tieferen Schatten 
nachgeschwärzt. Das Haar der Dame ist von rothbrauner Farbe; sie trägt 
darüber ein leichtes Netz, ein Band mit Steinen um den Kopf, Perlen- 
schmuck u. s. w.  Ein männliches Portrait von derselben Grösse, welches 
man für den Ludovico Sforza hält, ist in ähnlicher Weise, schlicht und 
streng gemalt und vortreiflich modellirt; leider sind auch hier die Schatten 
sehr nachgedunkelt. Beide Bilder haben übrigens etwas nah Verwandtes 
mit dem jüngeren Holbein, vornehmlich wie sich dieser Künstler in seinen 
früheren Werken zeigt.  Ein drittes, etwas grösseres Portrait, welches 
den Freund des Leonardo, den Arzt, mit welchem er seine anatomischen 
Studien betrieb, vorstellen soll, wird von Amoretti (in seiner bekannten 
Schrift über Leonardo) ebenfalls für Original gehalten, eine Meinung, der 
ich nicht wohl beitreten kann. Abgesehen davon, dass es ungleich weicher 
und mit einer ganz verschiedenen Auffassung der Farbe gemalt ist, so ist 
es vornehmlich in der Zeichnung durchaus minder wahr und verstanden 
(im Contur der Lippen, des Halses u. s.  als die eben genannten Bilder 
und als es überhaupt bei einem Meister wie Leonardo vor-auszusetzen ist. 
 Sehr anziehend und gewiss ächt ist ein Bild, welches das Leichenhaupt 
des Täufers Johannes, auf einer silbernen Schüssel liegend, darstellt; es ist 
ein äusserst sorgfältiges Studium des Todes,  wohl zu einer Herodias 
bestimmt,  ebenso wie die vorigen sehr einfach gemalt, dies jedoch glück- 
licher Weise nicht weiter nachgedunkelt. Die Lichter in den Haaren sind 
leicht mit Gold aufgesetzt, was ihnen etwas eigen Spielendes, Durchsich- 
tiges giebt. Die silberne Schüssel enthält ein treffliches Beispiel nieder- 
ländisch sauberer Naturnachahmung. 
Die genannten Bilder sind in Oel gemalt. Ausser ihnen befinden sich 
verschiedene Pastellzeichnungen Leonardo's in der Ambrosiana, sämmtlich 
mehr oder minder ausgeführte Studien zu Bildern. Das ausgezeichnetste 
unteif diesen ist ein weibliches Brustbild, dessen Kopf mit grösster Vollen- 
dung ausgeführt ist. Es ist ein Weib in voller Jugendblüthe, welche das 
Gesicht dem Beschauer gerade entgegenwendet und die Augen niederschlägt; 
dasnblonde Haar hängt frei über den Bücken herab. Die Anordnung des 
Ganzen, die Art und Weise wie die schöne Gestalt in dem Rahmen ruht, 
die zarte Ausführung dieser reizvollen, weichen Formen, der Adel und die 
Zucht, welche über dies Antlitz ausgegossen sind,  Alles vereinigt sich, 
um dem Bilde einen ganz vorzüglichen Werth zu verleihen; es ist mir (mit 
Ausnahme jenes Christuskopfes in der Brera) das liebste, welches ich von 
Leonardo kenne. Eigen machen sich ein Paar geöffneter Augen, welche 
auf dem Grunde des Bildes flüchtig hingezeichnet sind. Gewiss war der 
Meister während des Entwurfes einen Augenblick zweifelhaft, welche Bewe- 
gung den Augen günstiger sei; aber es bedurfte nur dieser Paar Linien. 
um die ungleich grössere Schönheit jener niedergeschlagenen Augen klar 
zu machen.  Nicht minder trefflich wie das eben genannte und demselben 
nur in der Schönheit nicht zu vergleichen ist das Portrait eines jungen 
Mannes in einer Pclzmützc und mit dickem niederhängendem Haar: auch 
dies in höchster Lebendigkeit und mit einfachsten Mitteln gearbeitet. Vier
        

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