Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486786
Schule. 
Ueber die Mailändar 
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Irculosen Jünger, das bestimmte Vorgefühl des eigenen Todes und die hei- 
ligste Unterwerfung unter den Willen des Vaters. Ich konnte von dem 
Blatte nicht loskommen und ich ging nur, um die Reste des Werkes selbst 
im Kloster von S.Maria delle Grazie aufzusuchen. Ich hatte geglaubt, "auch 
dies grosse "Werk, dessen fast vollkommene Vernichtung mir bekannt war, 
etwa. in einem ähnlichen Zustande zu finden; ich hatte gehofft, dass auch 
hier aus dem letzten Hauche der Farben noch der Geist des Meisters in 
leisen Klängen zu mir sprechen wurde. Aber wie soll ich dir meine Ent- 
täuschung schildern? Denke dir einen Freund, den du lange Jahre nicht 
gesehen hast; du hörtcst, dass Krankheit und Alter seine Kraft gebrochen, 
seine schönen männlichen F01'men vernichtet haben; aber du hoiYst, beim 
Wiedersehen die alte treue Stimme doch noch zu hören, doch allmählig in 
seinen Zügen die alte Gestalt, den Blick, das Lächeln des Freundes wieder 
finden zu können;  und du findest ihn, aber einen blutigen, zerfetzten, 
besudelteu Leichnam! Die Farben des kolossalen Bildes sind verschossen, 
zum Theil verschwunden, in vielen kleinen Stückchen abgebröckelt; die 
Mauer ist feucht und schmutzig. Doch das wäre zu ertragen. Aber diese 
vielfachen elenden Ueberschmicrungen, die wieder sammt den Original- 
farben verschossen und abgesprungen sind, die das Auge bei der Betrach- 
tungjedes einzelnen Theiles verwirren und nirgend mehr eine Form erkennen 
lassen, diese machen den Anblick unerträglich. Ich versuchte alle Mittel, 
die man gewöhnlich anwendet, um sich ein verdorbenes Bild wieder leben- 
dig zu machen; ich betrachtete es aus grösseren und geringeren Entfer- 
nungen, mit mehr oder minder geöffneten Augen. Ich glaubte, in diesem 
oder jenem Giiede einer einzelnen Figur etwas von der ursprünglichen 
Form zu erkennen; aber so wie ich ein wenig schärfer hinsah, so wie mein 
Auge nur um eine Linie weitet-rückte, war es wieder derselbe Jammer. 
Ich konnte es in dem Refektoritlm nicht aushalten; ich bezahlte den 
Custode, der zur Beaufsichtigung des Bildes angestellt ist, und eilte hinaus 
in's Freie. Lange konnte ich diesen trostlosen Eindruck nicht verwinden, 
und es war alle Heiterkeit und Lust des mir noch neuen Südens nöthig, 
um die alte Unbefangenheit und Frische in mir wieder hervorzurufen. 
Warum macht man in Mailand doch jetzt, nachdem dies Palladium der 
Stadt gebrochen ist, so viel Aufsehen davon? Man sollte das Refektorium 
im Kloster delle Grazie vermauern und jenes geschändcte I-Ieiligthum seiner 
stillen Verwesung überlassen. 
  Der Untergang der Hauptwerke Leonardos ist um so mehr zu bedauern, 
als er bekanntlich so höchst vielseitig beschäftigt war und seine künstleri- 
schen Arbeiten mit unsägliehem Fleiss ausführte, so dass er überhaupt nur 
wenig vollendet hat. Doch sind ausser dem Abendmahl noch einige Werke 
seiner Hand in Mailand vorhanden, die das höchste Interesse gewähren. 
In der Brera zunächst noch ein, leider unvollendetes Bild, eine Madonna 
mit dem Jesusknaben, der in anmuthiger Bewegung ein Lamm umfasst. 
Es ist eine einfache, aber sehr zarte und liebenswürdige Composition. Der 
Kopf der Madonna ist der einzig vollendete Theil des Bildes, ein Gesicht 
von schönem ernstern Ausdrucke, leider wiederum beträchtlich ubermalt, 
S0 dass es nur aus einiger Entfernung, wenn die kalten grauen 'I'öne ver- 
schwinden, zu geniessen ist. Die Untermalung des Kindes ist sehr leicht 
Und licht gehalten.    
Die Sammlung der ambrosianischen Bibliothek enthalt dagegen eine 
Reihe kleinerer Bilder von Leonardo da Vinci, zum 'l'heil nur Studien, die
        

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