Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486711
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Antike Polychromie. 
rnng des ersten Theiles desselben ganz einfach berichtet  „Markt und 
Prytaneion der Siphnier mit parischem Steine ausgestattetft und der höl- 
zerne Feind waren samische Schiffe und der röthliche Herold Eins derselben, 
das, gleich den übrigen mit Mennig angestrichen, in die Stadt gesandt 
wurde. Hittorff bemerkt hiezu einerseits, man könne füglich annehmen, 
dass die gesammten siphnischen Gebäude nur in ihrer Hauptmasse Weiss, 
dabei _aber an Einzeltheilen farbig gewesen seien, was niemand, der über- 
haupt an Polychromie glaubt, bestreiten wird. Andrerseits hätten die 
Siphnier diese Gebäude sehr wohl absichtlich, auf die Erfüllung des Ora- 
kels harrend, in dem ungefärbten Steine belassen können; von welcher 
Absichtlichkeit Semper, aus allerdings ganz triftigem Grunde, das Gegen- 
theil behauptet. Vor Allem, sagt Hittorff, deute das Orakel auf einen Fall 
der Ausnahme von der gewöhnlichen Regel. Hiemit stimmt Semper sehr 
überein. Ein rother Herold, so sagt dieser, sei für griechische Begriffe 
etwas Ungereimtes gewesen und also  nach dem poetischen Gleichgewicht 
der Orakelverse  ein weisser Markt nebst Prytaneion ebenso; man müsse 
demnach auf das Umgekehrte zurückschliessen und, wie statt des rothen 
Heroldes einen weisen, so statt der weissen Gebäude deren in rother Farbe 
als das Gereimte bezeichnen. Im Uebrigen habe man, mit einer „gewissen 
dramatischen Nothwendigkeit" anzunehmen, jene Gebäude seien so eben 
im Bau fertig, aber mit der unbedingt dazu gehörigen Bemalung noch nicht 
versehen gewesen, als das Orakel sich erfüllte. Das klingt Alles sehr 
hübsch, schade nur, dass Hr. Semper von einer Voraussetzung ausgeht, der 
der Beweis fehlt! Das Wort uüqvg, dessen sich das Orakel bedient hatte 
und das oben (nach der Langdschen Uebersetzung) mit „Herold" wieder- 
gegeben ist, bedeutet Allerlei, öffentliche Diener mancher Art, öffentliche 
Boten, Gesandte. Da nun z. B. die Cretenser, wie bekannt, rothe Gewande 
trugen, da die Spartaner sich zum Kriege mit Purpurgewanden schmückten, 
so konnte Jemand, den die Einen oder die Andern mit einer öffentlichen 
Botschaft sandten, füglich in dieser besondern Farbe erscheinen. Aber es 
ist gar nicht nöthig, so weit auszuholen. Hr. Semper braucht nur an die 
bekannte Stelle in der Lysistrata des Aristophanes, die n. A. auch Plutarch 
im Leben des Cimon (unter dem sich das betreifende Factum zutrug) citirt. 
erinnert zu werden, um sich zu überzeugen, dass es mit der Ungereimtheit 
der rothen Herolde eine völlig missliche Sache ist. Dort heisst es nemlieh, 
nach der Uebersetzung von Droysen, V. 1138 ff:  
Vergesst ihr, wie der Lakone Perikleidas einst 
Hierher gesendet, als Athens Schutzflehender 
Auf jenem Altar bleich im Heroldspurpur sass? 
Die Einen legen in den Autor alles Mögliche hinein, die Andern neh- 
men einfach die Worte wie sie gegeben sind. Das Orakel spricht von 
weissen Gebäuden und Herodot giebt als selbstverständlichen Grund ihrer 
weissen Erscheinung ohne alle Bedenken und Bezüglichkeiten, ohne nur 
im Entferntesten auf die Besonderheiten eines Ausnahmefalles hinzudeuten, 
an, dass sie mit parischem Steine (edlem weissem Marmor) ausgestattet 
waren. Alles Weitere an dieser Geschichte, mag man sie so künstlich aus- 
legen, wie man wolle, mag man dabei auch noch viel glücklicher conjec- 
turiren als Hr. Semper, ist für unsern Zweck gleichgültig; Herodots ganz ein- 
fache und unbefangene Bemerkung kann für den, der nicht Augen und Ohren 
und was sonst zum natürlichen Auffassungsvermögen gehört, eigenwillig
        

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