Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486692
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Polychronlie. 
Antike 
stellung von ihm ohne gelehrtes Grübeln ausgeführter und farbig geschmückter 
Architekturen, der Facade von St. Vineent-de-Paul und des Portikus am 
Cirque national zu Paris, verführt.  Ausserdem wird eine erhebliche 
Anzahl von Einzelstücken farbiger Dekoration, besonders an architekto- 
nischen Gliedern, mitgetheilt. Die besten schon vorhandenen Veröffent- 
lichungen solcher (von Herrmann, Poppe u. A.) sind hiebei sehr ZWGCk- 
mässig benutzt; Neues aber wird kaum gegeben, Wenigstens nichts der Art, 
was, wie schon angedeutet, für die Auffassung der Sache nach der einen 
oder andern Seite hin entscheidend ins Gewicht fallen könnte. Ungemein 
interessant ist die Darstellung architektonischer und andrer Ornamente von 
flachem Relief (ohne Farbe), die sich auf sicilischen Thongefässen gefunden 
haben (auf Taf. VII). Es sind zumeist sehr reizvolle Verzierungen. Sie 
aber ohne Weiteres als Copien dessen zu betrachten, was in farbiger 
Ausführung an den Tempelarchitekturen vorhanden war, scheint mir allzu 
gewagt; zwischen der spielenden Freiheit bei dekorativen Gegenständen 
und dem hohen Ernste der heiligen Architektur ist zu aller Zeit einiger 
Unterschied gewesen.  Es fehlt endlich nicht an Darstellung einiger 
bemalten kleinen Bildwerke, an Wandmalereien, an Ornamenten von gemal- 
ten Thongefassen und an pompejanischen Wandzierden, unter welchen 
letzteren wiederum einiges Interessante, doch in seiner Wesenheit bisher 
ebenfalls nicht unberücksichtigt Gebliebene sich bemerklich macht. 
Die Schrift von Semper  zerfällt in zwei verschiedene, nur durch 
einen losen Faden verbundene Gegenstände. Der erste besteht, nächst einer 
Einleitung über die Dinge der Polychromie und die frühere Betheiligung 
des Verfassers an denselben, wiederum in einer Antikritik meiner Schrift 
vom Jahre 1835. Ich komme hierauf, wie auf Hittorffls Antikritik, im Fol- 
genden zurück. Für den Augenblick muss ich mir nur ein Wort über den 
l'on, in welchem die Sernpefsche Antikritik abgefasst ist, erlauben. Er 
behandelt meine ganze Schrift, als sei sie eben jetzt erschienen, als lägen 
über den Verfasser, der damals freilich ein Anfänger war, keine weiteren 
Zeugnisse vor. Er ist dadurch, dass ich ihm mehrfach entgegen getreten, 
unangenehm berührt worden, hat dies Gefühl des Missbehagens sechzehn 
Jahre hindurch stillschweigend mit sich herumgetragen und giebt es jetzt 
in einer Weise von sich, zu deren Bezeichnung mir das rechte Wort fehlt. 
Der zweite Gegenstand, den die Sempefsche Schrift behandelt, gewährt 
ein sehr eigenthümliches, culturgeschichtlich poetisches Interesse. Der Ver- 
fasser geht auf die Urzustände der ältesten Völker zurück und entwickelt 
aus diesen und aus der verschiedenartigen geschichtlichen Stellung der 
Völker die Grundelemente der Architektur und die verschiedenartige Rich- 
tung, welche die letztere nehmen musste. Hiebei erklärt sich der Titel der 
Schrift, indem als diese Grundelemente aufgeführt werden: Heerd, Dach, 
Umfriedigung und Erdaufwurf. Das Element der Polychromie findet dabei 
ebenfalls seine urthümliche Begründung. Es ist ein anziehendes Gefühl, 
an der Hand eines geistvollen Mannes in jene dunkeln Regionen der Welt- 
geschichte hinabzusteigen; mag die Ausdeutung der Nebelbilder auch ein 
gut Theil individueller Phantasie nöthig machen, so empfangen wir doch 
i) Sie ist des weitere Ausführung eines in englischer Sprache geschriebenen 
Aufsatzes von Semper, der unter dem Titel „On the study of Polychromy, anti 
its reoival" im dritten Heft des „Museum of clasaical antiquities," 1851, ent- 
halten war. 
        

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