Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486651
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Antike Polychromio. 
turwerken keineswegs auf wirkliche Naturnachahmung abgesehen war, dass 
sie vorzugsweise nur zur Erfüllung dekorativer Zwecke diente und dass 
sie zugleich mit dem System der Farbenanwendung an den Architektur- 
werken in innigster Harmonie stand. Auch sind die etwaigen Zeugnisse 
dafür, dass bei Sculpturen aus edlem Material, namentlich Marmor, das 
Nackte einen, wenn nicht die natürliche Erscheinung genau nachahmenden, 
so doch derselben sich annähernden Farbcnüberzug gehabt habe, zu wenig 
bedeutend und zu wenig sicher und entschieden, um daraus eine erheblich 
weiter greifende Schlussfolgerung zu ziehen. Sofern aber das Nackte im 
Allgemeinen als ungefarbt angenommen wird, liegt es in den nothwendigen 
Bedingnissen der künstlerischen Harmonie, auch bei den Gewändern das 
entschiedenste Maasshalten rücksichtlich der farbigen Ausstattung anzunehmen. 
L. v. Klenze, wie schon angedeutet, nimmt eine grössere Ausdehnung 
der farbigen Zuthat an: eine häufig angewandte halb conventionelle Tönung 
der Theile des Sculpurwcrkes mit dieser oder jener einfachen Farbe. Ohne 
hier näher auf die doch etwas schwierige ästhetische Würdigung einer sol- 
chen Bemalung einzugehen, bemerke ich nur, dass diese Annahme, was 
ihre sichern Anknüpfungspunkte an Vorhandenes betrifft, vorzugsweise von 
den kleinen bunten Terracotten und sodann von der Behandlung der Farbe 
in den neuerlich entdeckten Malereien etruskiseher Gräber ausgeht. Beides 
aber scheint mir der eigentlichen, und insbesondere der selbständigen Sculp- 
tur zu fern zu stehen, um die unbedingte Schlussfolgerung recht zulässig 
zu machen. 
 Doch wird das Vorhandensein der bunten Terracotten. zumal derer 
aus guter griechischer Zeit, es immerhin glaubhaft machen, dass das an 
ihnen Beliebte gelegentlich auch bei Werken grösseren Maassstabes versucht 
sein mag. Einen weiteren Beleg dafür, freilich auch nur für mehr unter- 
geordnete Sculpturarbeiten, giebt das oben von mir aufgeführte hereulani- 
sche Wandgemälde; sowie hiebei auch auf jene, für den reinen Hellenismus 
zwar nur bedingt gültigen Reliefs von Myra Rücksicht zu nehmen sein 
dürfte. Noch wichtiger aber für die Anwendung einer gelegentlich reicheren 
Bemalung der Sculptur scheint mir das Vorhandensein reicherer Färbung 
an den architektonischen Theilen des d.orischen Frieses zu sein. W'c die 
ganze Umgebung durch leuchtende Farben ausgezeichnet war, wird ohne 
Zweifel, allgemeinen harmonischen Gesetzen zufolge, auch die bildnerigchß 
Darstellung an solchem Schmucke in umfassenderer Weise Theil genommen 
haben. Wie weit dergleichen sich ausgedehnt haben dürfte, lässt sich aus 
dem Vorhandenen freilich nicht mehr ermitteln. Auch ist es ganz glaub- 
haft, dass, was hienach bei dorischen Fries-Sculpturen geschah, ab und zu 
auch bei selbständigeren Einzelwerken zur Anwendung kommen mochte. 
Es liegen aber in keiner Weise sichre Zeugnisse vor, dass eine etwas reichere 
Bemalung, wie sie hiebei vorausgesetzt werden kann, in dem Gcsammt- 
gebiet der griechischen Sculptur irgendwie vorherrschend gewesen sei. 
Man hat sich schliesslich, um das Passliche einer durchgeführten 
Bemalung auch an griechischen Sculpturwerken zu erweisen, auf die an 
Sculpturarbeiten des christlichen Zeitalters häufig vorkommende und deren 
Schönheit zum Theil wesentlich fördernde Bemalung berufen. Ich hätte 
darauf allerdings schon in meiner Schrift über die Polychromie eingehen 
sollen, aber nur, um aus diesem Verhältniss einen der schlagendsten 
Beweise für das Gegentheil zu entnehmen. Die Bemalung an den christ- 
liehen Sculpturwerken geht überall, wo sie mehr als roh conventioneller
        

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