Volltext: Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte (Bd. 1)

Polychromie. 
Antike 
allzuleicht einer anderweitigen Ausdeutung unterliegen. Sodann, und vor- 
zugsweise, hätte die Triglyphe, wenn sie als ein wesentliches Bauglied in 
Öle ganze Structur eingreifen und einen organischen Theil derselben aus- 
machen sollte, jedesmal nur oberhalb der Säule stehen dürfen, wie sich in 
der That K. Bötticher. in seiner „Tektonik der Hellenen" (1844) veranlasst 
sieht, eine solche monometopische Anordnung der dorischen Architektur 
als die wahrhafte und ursprüngliche anzunehmen und dieselbe mit allem 
Zauber griechischer Bildungs- und Behandlungsweise zu reconstruiren. Aber 
die Monumente der griechischen Blüthezeit wissen auch hievon nichts, und 
wir haben hier nicht dasjenige zu erfassen, was hätte sein können und 
sein sollen, sondern das, was gewesen ist. Wir finden an den Monumenten 
Triglyphen durchweg auch über den Zwischenweiten zwischen den Säulen, 
den Architrav in der Mitte belastend. eine Einrichtung, die nicht ganz ohne 
Widerspruch gegen das structive Princip erscheint, wenn man die Trigly- 
phen als organische Bauglieder, als wirkliche Stützen des Kranzgesimses 
betrachtet. 
Die Bedeutung der Triglyphe, wie wir sie an den Monumenten finden, 
ist also eine entschieden zweideutige und zwitterhafte. Sie erscheint als 
ein durch geheiligte Tradition Gegebenes, dessen sich das ästhetische Gefühl 
zu bemächtigen sucht, um es künstlerisch zu durchdringen und mit organi- 
schem Leben zu erfüllen. Aßer der Prozess ist nicht zur Vollendung 
gediehen und das Ergebniss desselben ist nur ein conventionell wieder- 
kehrendes Dekorationsstüek. Die Triglyphe hat die Willkür des Convcn- 
tionellen:  so darf es uns nicht befremden, wenn auch in der Farbe, mit 
der sie versehen wird, ein Typus der Willkür herrscht. Die erhaltenen 
Farbenreste an den Monumenten belehren uns, dass die Triglyphen vor- 
zugsweise, ohne Zweifel nach irgend einer alten 'l'radition, blau gefärbt 
wurden; das Gesetz ihrer Formation, das gelegentlich doch auch auf die 
Farbe eingewirkt haben dürfte, und eine Anzahl von Vasenbildern aus 
früher und später Zeit machen es entschieden glaubhaft, dass sie zuweilen 
dennoch die Farblosigkeit des architektonischen Gerüstes hatten, oder, durch 
eine  lichtere Färbung, hievon doch weniger unterschieden waren als die 
Metopen. Andres, wie schon bemerkt, lässt vermutheu, dass eine blaue 
Farbe des Riemchens unterhalb der 'l'riglyphen noch nicht immer auf einen 
blauen Anstrich auch für sie hindeute. 
Die Mctopen erfordern (wie die Giebelfelder) einen gefärbten Grund, 
wenn Bildwerke in ihnen befindlich sind. Haben die Triglyphexl eine blaue 
Farbe, so liegt es nahe, den Grund jener Flächen tief röthlich oder bräun- 
lich gefärbt anzunehmen. Sind die Triglyphen nicht blau, so scheint sich 
diese Farbe, welche der Tiefe und Ferne der Luft entspricht, zumeist als 
Grund für die Bildwerke zu empfehlen, wie auch über solche Anwendung 
verschiedene Zeugnisse vorliegen i). Sehr auffallend ist die Angabe über 
1) Für die Angemessenheit der blauen Farbe zum Grunde für plastische 
Darstellungen lassen sich aus der modernen Kunst, namentlich der ilurentinischen 
des 15. Jahrhunderts (wo zugleich ein entschieden classischer Sinn mehr oder 
weniger deutlich hervortritt) sehr zahlreiche Beispiele anführen. Besonders 
gehört hieher die Fülle der Reliefs in Terra cotta, von Luca della Robbia und 
dessen Nachfolgern. ln Bezug auf das Bildnerische ist hiebei zugleich zu bemer- 
ken, dass auch diese Terracotten, der antiken Richtung entsprechend, nur auf 
äusserst geringe Farbenanwendung bei den Figuren berechnet sind, P1511138 Wohl 
auf einezu geringe, so dass die Figuren in der That gßgßß dm blau gefärbten.
	        
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