Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486398
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Polychromie. 
Antike 
Schönheit geworden war, so war es auch nicht mehr nöthig, den Mund, 
dessen Leben und Beweglichkeit die blosse Form zur Genüge darstellt, 
noch durch Farbe zu bezeichnen; ein Umstand, der zugleich genöthigt 
haben würde, alle Theile des Körpers, an welchen das Blut gegen die 
Oberfläche der Haut hervordringt, auf ähnliche Weise zu röthen. Erst 
später mochte man, vornehmlich in Etrurien, wo dergleichen besonders der 
Fall zu sein scheint, neben andren alterthümlichen Darstellungsweisen auch 
eine solche Bemalung der Lippen wieder in Erinnerung gebracht haben, 
wenn man anders aus den angeführten seltsamen Farbenüberresten, die sich 
an der Pallas von Velletri vorfanden, einen Schluss der Art machen darf. 
 Uebrigens ist bei den Sculpturen des aeginetischen Tempels nicht zu 
übersehen, wie sowohl diese Bemalung der Lippen, als auch insbesondere 
jener reichere Farbenschmuck an den Waffen zugleich in bestimmtem Ver- 
hältniss zu den, wie es scheint, reicher bemalten Theilen des Gebäudes 
selbst steht. 
Ziemlich vollständige Bemalung findet sich zuweilen an kleineren Ter- 
racotten, von denen Manches in die Blüthezeit griechischer Kunst gehören 
mag. Aber diese kleinen Dinge haben mit dem Ernste der höheren Kunst 
nichts weiter zu schaffen; es sind, mehr oder minder, anmuthige Spiele, 
in deren besonderer Ausführung eben kein andres Gesetz als das der Will- 
kühr und Laune waltet, und die schon in ihren geringen Dimensionen keine 
Absicht auf irgend eine lllusion haben können. Gleichwohl jedoch dürfen 
wir auch aus diesen unbedeutenden Spielen schliessen, dass mit dem Beginn 
der Entartung, wo die höhere Kunst ihrer Würde vergass und selbst zum 
Spiele ward, wohl auch an bedeutenderen Werken eine der Natürlichkeit 
nahekommende Färbung statt gefunden habe; jene erbleichende Jokaste, 
jener erröthende Athamas verrathen uns schon, wenn beide gleich in Metall 
ausgeführt waren, dass gewiss auch ähnliche Missbräuche an Marmorbildern 
vorhanden gewesen sind. Soviel uns indess Beispiele der entartenden Kunst 
erhalten sind, deuten diese vielmehr nach einer andrenRichtung als der der 
illusorischen Farbenanwendung; es ist in ihnen vielmehr eine übertriebene 
und im Einzelnen der Naturfarbe widersprechende Bezeichnung jener, durch 
die Natur besonders ausgezeichneten Körpertheile. Am Widerwärtigsten 
erscheint dies an den Werken aus Bronze, wo die dunklere Farbe und der 
sprödere Stoff von der Beschaffenheit des menschlichen Körpers am Ent- 
ferntesten steht, und einzig dessen Formen widergegeben werden sollen.  
Einem solchen Systeme wie das eben angedeutete, stehen nunmehr auf 
der einen Seite diejenigen gegenüber, welche in aller Polychromie der 
griechischen Sculptur irgend einen Rest altüberlieferter Barbarei sehen, auf 
der andern diejenigen, welche eine vollständige, nach dem Vorbilde der 
Natur durchgeführte Bemalung behaupten. Die historischen Zeugnisse, aus 
welchen unsre Ansicht hervorgegangen ist, sind bereits dargelegt; es dürfte 
dieselbe noch von dem aesthetischen Gesichtspunkte nach beiden Seiten 
hin zu beleuchten sein. 
Was die Ansicht jener Gegner der Polychromie anbetrifft, so ist es 
zuerst die farbige Darstellung des Auges, an welcher dieselben einen 
Anstoss nehmen. Hierüber bemerken wir Folgendes. Wenn die plastischen 
Werke nicht geradehin mangelhaft in Bezug auf eine der wesentlichsten 
Eigenschaften des menschlichen Körpers: den Blick, erscheinen sollten, so 
musste, statt jener farbigen Bezeichnung, irgend ein andres Mittel erdacht 
werden, welches als ein Aequivalent für die Kraft des Auges gelten konnte.
        

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