Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486290
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Polychromie. 
Antike 
und Plinius') ausführliche Nachricht geben. Auf diese Weise ist die obige 
Stelle auch von Andern schon früher erklärt worden. Dass Praxiteles dabei 
gerade auf die von jenem Nicias überzogenen Statuen ein grösseres Gewicht 
gelegt, kann auf verschiedene Weise erklärt werden; vielleicht war es nur 
ein Bon-mot, dessen Gründe ausserhalb der Beziehungen der Kunst liegen 
dürften. Bei der Masse von nichtssagenden Kunst-Anekdoten, welche Pli- 
nius statt eines wirklichen Kunst-Urtheils zusammengetragen, darf eine 
Solche Ansicht jener Worte nicht weiter befremden. 
Die eben angeführte Stelle Vitruv's giebt uns noch einen sehr bedeut- 
samen Wink über das bei den plastischen Werken angewandte Verfahren. 
Nachdem er nämlich die Art geschildert, wie man die Wände enkaustiseh 
mit Wachs überziehen müsse, schliesst er mit den Worten: "Gleichwie man 
bei den nackten Marmorstatuen zu verfahren pflegt  Dass man bei 
den bekleideten Statuen ein andres Verfahren der Enkaustik angewandt 
(wie Visconti hieraus geschlossen 3)  ist bei der Einfachheit des von Vitruv 
beschriebenen Verfahrens nicht wohl denkbar. Wir werden also voraus- 
setzen müssen, dass die Enkaustik überhaupt bei Marmorstatuen nur ange- 
wandt wurde, um dem Nackten, als solchem, eine besondere Eigenthüm- 
lichkeit  eine grössere Weichheit, wahrscheinlich auch einen wärmeren, 
ins Gelbliche spielenden Ton,  zu geben. Sehr naheliegend und folge- 
reeht scheint zugleich der Schluss, dass ebendies auch bei den nackten 
Theilen bekleideter Statuen Statt fand, um sie dadurch schon stofflich von 
der Gewandung zu unterscheiden, die überdies häufig, wie sich insbesondere 
aus den erhaltenen Monumenten ergiebt, durch Farbe und Vergoldung von 
ihnen gesondert ward. Jener weichere und wärmere WVachsüberzug des 
Marmors führt uns somit wiederum auf den, in der Blüthezeit der griechi- 
schen Kunst so häufigen Gebrauch des Elfenbeins zurück, so dass beide 
Materiale sich in ihrer Erscheinung nunmehr verwandter zeigen, als es ohne 
ein solches Mittel der Fall gewesen wäre. 
Von den Vertheidigern einer bis zur vollkommenen Naturnachahmung 
gediehenen Polychromie der Plastik wird noch eine besondere Begeben- 
heit in der griechischen Geschichte als Stütze ihrer Ansicht beigebracht. 
Als die Gallier nämlich Delphi zu plündern kamen, sollen sie das Heer 
der Statuen auf den Terrassen des Tempels gesehen und sich nicht näher 
gewagt haben. Sie hielten (so schliesst man) die marmornen Menschen 
für lebendige und wagten den Angriff nicht. Wie war ein solcher Irrthum 
möglich, ohne eine grössere Illusion als die ist, die wir der Plastik zuthei- 
len, ohne Farbenillusion?  Indem wir voraussetzen, dass das Factum 
richtig sei 4), fällt uns noch ein andres griechisches Geschichtchen ein, das 
uns auch wohl auf eine andre Erklärung führen könnte. Herodot 5) und 
Pausanias 6) erzählen nämlich eine besondre Kriegslist, deren sich die 
Phocier einst im Kriege gegen die Thessalier bedienten: Fünfhirnrlert ihrer 
1) l. XXXIIL c. VII.  z) Ut signa marmorea nuda curantur.  3) Musäe 
Pie-Cläm. T. III, p. 36, n 2. ed. Milan.  4] Der Verf, hat die Qualle, aus 
welcher die obige, von Hrn. Semper mitgetheilte Erzählung genossen sein dürfte, 
nicht auffinden können. Sollte sie vielleicht auf einem Missverständnisse beruhen? 
Unter den Autoren, welche des Einfalls der Gallier erwähnen, berichtet z. B_ 
Gicero [de divinat. l I, c. 37] von einem Orakel der Pythia, des Inhalts: dass 
weisse Jungfrauen das delphische Heiligthum schützen würden, Die Jung- 
frauen erklärt er jedoch hernach nicht als Statuen, sondern als Schnee.  5) l. 
VIII, 27.  S) 1.x c. I, 5.
        

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