Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1486094
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Antike 
mlychromie. 
Indem wir hier wiederum näher auf die einzelnen Verhältnisse ein- 
gehen, bietet Sich zugleich die passendste Gelegenheit dar, die Bedeutung, 
welche den Formen der Architektur überhaupt einwohnt, zu entwickeln. 
Es ist auch diese Untersuchung nöthig, da erst nach einem genaueren Ver- 
ständniss der Formen die farbige Zuthat genügend gewürdigt werden 
kann 1).  Wir betrachten zunächst die dorisehe Ordnung. 
Die Säule drückt im Allgemeinen nicht nur das passive Princip des 
Tragens, sondern auch das lebendige und aktive des Stützens und Empor- 
strebens aus. Dies ihr Princip beruht einmal in der runden, cyliuderartigen 
Hauptform, indem so die äussere Fläche an allen Punkten als ein gleich- 
mässiger Ausfluss der inneren Kraft, überall gleichmässig durch dieselbe 
gebunden, erscheint. Der viereckige Pfeiler, der nichts von diesem Gesetz 
enthält, ist nur eine todte Masse, nichts als ein für sich stehendes" Mauer- 
stück. In der einfachen Cylinderform aber ist eben dieses Princip auch 
nur als blosse Abstraction vorhanden, und ausgeführt ist eine Säule der 
Art noch ohne eine entschiedene Wirkung. Daher muss dasselbe auch an 
der äusseren Fläche ins Leben treten. Dies geschieht durch die Canel- 
lirung. Hier ist jene Beziehung auf den unsichtbaren Kern deutlich und 
augenscheinlich ausgesprochen, indem durch die Stege jener gesetzliche 
Umriss der Peripherie festgehalten wird, in den Kanälen aber ein fortge- 
setztes Zusammenziehen der in der Säule waltenden Kraft Statt findet, um 
letztere fest und streng dem Drucke des Gebälkes entgegenwenden zu 
können. Daher die grössere Strenge der dorischen Canellirung, die grössere 
Weichheit der ionischen, welche letztere zwischen diesen Einziehungen 
breitere Theile des äusseren Umrisses stehen lässt. Aber Cylinder und 
Canellirung enthalten nur das Gesetz des Emporstrebens: die Säule soll 
zugleich Stütze sein. Dies bewirkt die Verjüngung und, wo sie vorhanden, 
die Schwellung. Die Verjüngung drückt, je weiter nach oben, ein um so 
grösseres Zusammenziehen der Kräfte aus; die Schwellung bezeichnet diese 
Verjüngung noch als eine progressiv fortschreitende. Eine starke Verjüngung 
giebt somit, besonders bei kurzen und stämmigen Verhältnissen, das Bild 
einer grossen Kraftanwendung; eine starke Schwellung aber hebt den Aus- 
druck der Kraft auf, indem die Säule als von ungleichmässiger Wirkung, 
ausgebaucht unter dem Drucke des Gebälkes, erscheint.  Leicht und frei 
dagegen, in einer Verjüngung, die dem Charakter des Cylindcrs nicht 
widerspricht, in leisester Schwellung 2), streben die Säulen der attischen 
Monumente dem (iebälke entgegen. 
Die lebenvolle, bewegte Säule stösst jedoch nicht unmittelbar gegen 
den Balken des Architravs. Dieser erfordert sein sicheres, ruhiges Auflager, 
welches ihm die Platte des Abakus gewährt. Gegen diese Platte also 
ist die concentrirteste Kraft der Säule gerichtet, und hier, wo die beiden 
entgegengesetzten Kräfte, des Druckes und Gegcndruckes, einander berühren, 
1) Man wird es dem Verfasser verzeihen, wenn er, um nicht nnnöthig weit- 
läuftig zu werden, im Wesentlichen nur seine eigene Ansicht von der Bedeutung 
der Formen vorlegt, ohne sich allgemeiner auf'die von Andern vorgeschlagenen 
Erklärungen einzulassen. Aus der rohen, materiellen Gonstruction (sei es Holz- 
oder Steiuconstrnction) kann so wenig, wie aus etwanigen mystisch-symbolischen 
Beziehungen, eine Form der Kunst entstehen, deren Gesetz nicht in äusserli- 
chen Verhältnissen, sondern allein in ihr selbst beruht.  z) Sie beträgt am 
Parthenon, dessen unterer Säulendurchmesser 6 Fuss misst, in der Mitte der 
Schäfte noch nicht  Zoll.
        

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