Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485933
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Polychromie. 
Antike 
die mit den schriftlichen Zeugnissen der Alten in entschiedenem Wider- 
spruche steht, erfordert eine nähere Berücksichtigung. 
Die Farbe nämlich, welche der pentelische Marmor an den athenischen 
Monumenten gegenwärtig zeigt, erscheint in bedeutenden Massen als ein 
schönes, fast röthliches Goldgelb, in den Winkeln und Ecken als ein 
finsteres Schwarz; und eben diese Farbe soll nicht, wie man bisher ange- 
nommen, eine durch die Zeit hervorgebrachte Veränderung der Oberfläche 
des Steines, sondern der Rest des vormaligen Farhenüberzuges sein; unter 
der Kruste finde man beim Nachsuchen stellenweise die ganz frisch erhal- 
tenen ursprünglichen Farben. Letzteres hat bei den Einzelnen früher 
genannten Gliedern gewiss seine Richtigkeit; die Allgemeinheit des Satzes 
aber wird durch verschiedene Angaben andrer Reisenden auf keine Weise 
bewährt. S0 beschreibt uns Dodwelll) ausführlich die verschiedenen 
Abstufungen der Farbe, in welcher der Parthenon zu seiner Zeit erschien: 
die Westseite als Ocker-farbig; ähnlich die Ostseite, an der jedoch einzelne 
Theile der Säulen schwarz waren, was er dem Ratieh aus nahgelegenen 
Hütten zuschreibt; die Südseite am Lichtesten und grossentheils vollkommen 
in der ursprünglichen Weisse des Steins. Die Südseitc aber ist bekannt- 
lich an allen athenischen Gebäuden am Meisten vor den Einflüssen des 
Wetters geschützt; warum also sollte gerade hier die Farbe mehr, als an 
der Ost- und Westseite entwichen sein?  Ferner wird uns berichtet, dass 
man die Merkmale jener am Arehitrav des Parthenon befindlich gewesenen 
Schilde dadurch erkenne, dass ihre runde Fläche weniger von der in Rede 
stehenden gelblich-reihen Färbung des Marmors durchdrungen sei, indem 
die Schilde den Stein gegen die Einwirkung der Luft manche hundert 
Jahre hindurch schützten 2). Nach Sempefs Theorie aber müsste man noth- 
wendiger Weise die entgegengesetzte Erscheinung voraussetzen, dass näm- 
lich die Stellen des Architravs, die unter den Schilden befindlich waren, 
den Ueberzug der Farbe reiner erhalten hätten. 
Sodann wird gesagt, dass die vorausgesetzte Farbcnkruste den Anschein 
einer festen glasartigen Emaille habe und von namhafter Dicke sei; schon 
die Dicke und Sprödigkeit dieser Farbendecke verlange, dass das ganze 
Monument damit überzogen werden sei, da im entgegengesetzten Falle die 
Farbe an den Absätzen sehr bald abgeblättert sein würde. Auch die Rich- 
tigkeit dieser Beobachtung, oder wenigstens der aus ihr gefolgerte Schluss 
findet in den Berichten andrer Reisenden keine Bestätigung. An dem 
erwähnten Tempel zu Rhamnus und andern Mouumenten hat man im 
Gegentheil zu den Seiten der durch Farbe aufgesetzten Ornamente den 
Stein von den Einwirkungen der Luft oder Erde angefressen gefunden, 
während die einst oder noch farbigen Stellen unversehrt blieben 3). Die- 
selbe Erscheinung hat sich auch an Statuen wiederholt, die zum 'l"heil 
mit enkanstischen Farben versehen waren. 
Es ist ferner bereits von K. O. Müller gegen diese Theorie der Marmor- 
Bemalung bemerkt worden, dass man, der bekannten Bau-Inschrift vom 
Erechtheum zufolge, die Fläche der Wände erst, wenn sie aus den Stein- 
quadern aufgesetzt waren, im Ganzen polirte; dass aber eine solche Politur 
unnütz gewesen sein würde, wenn man ihren Glanz wieder durch einen 
2] Die Alterthümer von Athen, Thl. II, c, l, 
in den Alterthümern von Attika, C. VI, Anm. 
 Tour etc. V. I, p, 344.  
Anm. 75.  3) Vergl. hiezu, was 
5, gesagt wird.
        

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