Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485859
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Polychromie. 
ltike 
(15301! Äivßoü) gedenkt Pausanias freilich nur bei wenigen grösseren Monu- 
menten: bei dem Stadium des Herodes Atticus zu Athen, bei der pracht- 
vollen Decke der Propyläen, welche auf die Akropolis von Athen fuhren, 
bei dem Theater und Stadium auf dem Isthmus, bei dem von Polyklet 
erbauten Tholus zu Epidaurus, bei dem Theater zu Sparta und dem Bacchus- 
Tempel zu Myus in Kleinasien 1). Die griechische Benennung des Marmors, 
als M190; lsvuög, ist doppelsinnig; sie kann von dem Steine, der im Bruche 
weiss erscheint oder, wo von ausgeführten Gebäuden die Rede ist, über- 
haupt von deren äusserer Erscheinung verstanden werden. Auch Andre, 
namentlich Strabo 2), erwähnen vieler aus nweissem Steine" errichteten 
Tempel. Seltsam, wenn man sich fortwährend dieses Ausdruckes bediente, 
während das Auge von der Weisse des Steines nichts entdeckt haben sollte! 
Ueberdies konnte bei den ebengenannten Theatern und Stadien der Marmor 
nur seiner eigenthümlichen Pracht wegen angewandt sein", und an eine 
Bemalung dieser Monumente ist auf keine Weise zu denken. Dann spricht 
Pausanias von dem Muschelmarmor (2.560; uoyztrvyg), der zu Megara 
gebrochen und dort häufig angewandt wurde t). Dieser Stein zeichnete sich 
durch seine besonders weisse Farbe aus. Warum diese besondere Erwäh- 
nung, wenn man die Eigenschaft des Steines nirgend zu Gesichte bekam? 
Endlich nennt er zwei Bauwerke aus pentelisehem Marmor (welcher 
Stein, wie es in der Natur der Sache liegt, mit in die Kategorie des 
"weissen" gehört): einen Tempel zu Gortys in Arkadien und das von 
Herodes Atticus erbaute Stadium zu Delphi 4). Warum sollte man diesen 
Stein mit grossen Kosten soweit aus Attica herbeigeholt haben, wenn 
man seine eigenthümliche Beschatlenheit wieder durch einen Farbenüberzug 
verdeckte? Eben dasselbe gilt von andern Gebäuden, zu denen man kost- 
bares Material aus der Ferne herbeischaiite, wie von dem Tempel zu Delphi, 
den, nach Herodofs Bericht 5), die Alcmäqniden zur Zeit der Pisistratiden- 
Herrschaft an seiner Vorderseite aus parischem Marmor erbauten, wäh- 
rend sie nur übernommen hatten, das ganze Gebäude aus dem schlechteren 
Poros-Steine zu errichten. Und wenn die Vorderseite weiss erschien, so 
kann der Stucküberzug des Poros eben auch nicht anders gefärbt würden Seim 
Noch ist hier ein kleiner Tempel am Hafen von Anticyra in Phocis 
anzuführen, von dem Pausanias sagt, dass er in dem von den Römern soge- 
nannten Opus incertum (toyoiatv Mdotg)  wahrscheinlich also in der aus- 
gebildeten cyklopischen Bauweise, wie der bekannte kleine Tempel zu 
Rhamnug ü)  aufgeführt und sein Inneres mit einem Stucküberzuge versehen 
war'). Das Innere mochte also mit Farben geschmückt sein, das Aeussere 
aber musste, wie es aus dem einfachen Gegensatze hervorgeht, die natür- 
liche Farbe der Steine zeigen. 
Wenn bei so mancherlei genauen Bezeichnungen des Materials, welches 
zur Errichtung der vornehmsten Bauwerke angewandt wurde, bei dem Materiale, 
welches von seiner weissen Farbe den Namen führt, das vorausgesetzte Ver- 
schweigen einer anderweitigen Färbung befremdlich erscheinen musste, so wird 
ein solches Stillschweigen in eineinandern Falle noch schwierigerzu erklären 
sein. Wir wissen von der Vorliebe, welche unter der Römerherrschaft für
        

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