Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485695
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und 
Berichte 
Kritiken. 
der Wissenschaft selbst unvermerkt ein andrer geworden ist und dass wir 
jetzt Ansprüche auf ein consequenteres ästhetisches System und auf schärfere 
historische Kritik machen müssen, als wir auch in dem letztgenannten Werke 
zu Grunde liegend finden. Gleichwohl dürfen wir die Pflicht der Dank- 
barkeit gegen unseren rüstigen Vorarbeiter nicht aus den Augen setzen; 
ihm verdanken wir es vor vielen Andern, dass wir jetzt ein Gebäude auf- 
zuführen im Stande sind, wozu wir den Grund schon vorbereitet finden. 
Ueber das Allgemeine des vorliegenden Werkes können wir uns in 
dieser Anzeige kurz fassen. Die Art und Weise des Verfassers ist dem 
Leser aus seiner Geschichte der Baukunst, deren Gang im Wesentlichen 
beibehalten wird, bek nt. Einzelnes, wie z. B. das Kapitel von der Bil- 
dung der Gestalten, ifkürzer und anschaulicher behandelt, Andres durch 
die Entdeckungen der neusten Zeit vermehrt oder berichtiget worden. WVir 
begnügen uns, einige Punkte, die uns während des Lesens als bedenklich 
aufstiessen, hier in Erwägung zu ziehen.  
Was zuerst den altindischen Höhlenbau anbetriift, so behandelt 
der Verfasser denselben als ein Beispiel des höchsten Alterthums, ohne 
jedoch andre wesentliche Gründe vor-zubringen, als den: „dass die späteren 
Geschlechter, die es verstanden, auf freier Erde Bauwerke zu errichten, 
wohl schwerlich die mühsame und zeitfordernde Arbeit der Felsenaushöh- 
lung unternommen haben würden." (S. 10). Hiegegen spricht jedoch ein- 
fach der Umstand, dass gar nicht selten in diesen Höhlenbauten Architek- 
turen vorkommen, an denen sämmtliche Theile eines entwickelten F reibaues 
sichtbar werden. Andre Forscher, wie Langles in seinen Monumens anciens 
et modernes de lffindostan, haben dagegen in der gewölbartig ausgehzfhenen 
Decke einiger Monumente (die jedoch überall auf den frühesten Entwicke- 
lungsstufen der Kunst, bei den Aegyptern, den Mexikanern, in den Tholen 
der ältesten Bewohner Griechenlands u. s. w. vorkommt), sqwie in dem 
sogenannten nkorinthischen" Kapital einzelner Tempel 1) und andern geringe- 
ren Kennzeichen, eine Nachahmung ägyptischer, griechischer, römischer, 
christlicher u. s. w. Bauformen gesehen, die von abyssinischen Künstlern 
im Anfange des Mittelalters nach Indien hinübergetragen sein sollen;  
Ansichten, die um ein Paar Jahrtausende auseinander stehen! 
Umtzwischen diesen, durch nichts Wesentliches begründeten Annahmen, 
einigermaassen sichere Haltpunkte zu gewinnen, scheint es, bei dem ltjangel 
direkter historischer Nachweisungen, am Besten, wenn wir einen Seiten- 
blick auf andre Verhältnisse der indischen Geschichte, namentlich ihrer 
Literatur. werfen. Die grossen epischen Gedichte, deren Abfassung etwa 
um die Zeit des Jahres 1000 v. C. G. fallt 2), erwähnen der Höhlentempel 
nicht, während letztere dagegen in ihren Bildwerken Scenein die 11118 jenen 
entnommen sind, darstellen; wir werden somit den I-Iöhlentempeln, bei 
ihrer hohen Bedeutsamkeit und weiten Verbreitung, ein jüngeres Alter mit 
Bestimmtheit zuertheilen können. Sodann finden wir in den Tempeln mit 
1) Es sind zwei neben einander befindliche Tempel zu Ellora, die überdies 
zusammen eine Gesammtanlage bilden. Unter dem Kapitäl fallen auf die Ecken 
des Schaftes grosse Blätter nieder, die allerdings eine ferne Aehulichkeit mit dem 
Akanthus zu haben scheinen. Es ist unbegreiflich, wie selbst K. O. Müller in 
seinem Handbuch der Archäologie der Kunst (S. 279) auf diesen ganz verein- 
zelten und von dem sonst ziemlich consequenten System der indischen Kunst 
abweichenden Umstand irgend ein Gewicht legen konnte.  2) S- von Bohlen! 
das alte Indien, C. 5, 5. 26.
        

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