Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485608
Künstler-Geschichten, 
mitgetheilt von August Hagen 
Gtß. 
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buhler des Filippo Lippi gemacht (nämlich nicht in der Kunst, sondern 
in der Liebe) während er gleichwohl dreissig bis vierzig Jahre jünger ist; 
und er muss gleichzeitig mit jenem sterben, während sein Tod über funfzig 
Jahre später erfolgt ist. So schaut Leonardo da Vinci dem Masaccio bei 
seinen Arbeiten in der Kapelle Brancacci als ein schon erwachsener Jüng- 
ling zu, während er erst etwa neun Jahre nach dessen Tode geboren wurde. 
Ja der Verfasser geht soweit, dass er die Vollendung der Kapelle Bran- 
t-acci, welche bekanntlich ein Werk des jüngeren Filippo Lippi (zum Unter- 
schiede vom Vater gewöhnlich Filippino genannt) ist, dem älteren Filippo 
selbst zuschreibt. Dergleichen muss nothwendig wenigstens dem Laien, 
für den doch ein Buch, wie das vorliegende, zunächst geschrieben ist, 
mannigfache Verwirrungen erregen. 
Auch Anderes können wir nicht umhin zu rügen. Die Art z. B. wie 
der Verfasser das düstere, phantastische WVesen des Piero di Cosimo aufge- 
fasst hat, scheint uns keinesweges in der Biographie desselben bei Vasari 
begründet zu sein. Bei letzterem erscheinen alle seine Seltsarnkeiten als 
Ergebniss einer bizarren, hypochondrischen Laune, oft nicht ohne eine 
gewisse Gutmüthigkeit, während ihn der Verfasser zu einem dreifachen 
Mörder stempclt. Er muss, weil er Kindergeschrei nicht hören kann, ein 
eignes Kind umgebracht, er muss dem Masaccio und dem Filippo Lippi 
das Gift, dem man beider Tod zuschreibt, beigebracht haben. Es dünkt 
uns im Gegentheil, als ob die ganze Darstellung des Verfassers ungleich 
gewonnen haben würde, wenn all jene Tollheiten des Piero eben ohne 
einen solchen besonderen Grund geblieben wären; er hätte alsdann eine 
treftliche komische Person gegeben. Auch hätte der Verfasser füglich eine 
andere Person als böses Princip benutzen können, wenn er darum sonst 
verlegen war; wir meinen nämlich den Andrea del Castagno, dessen Name 
in der Geschichte genügsam gebrandmarkt ist und den der Verfasser nur 
obenhin erwähnt; schon die Art wie er  bei Vasari  sich in das Ver- 
trauen des Domenico Veneziano einschleicht, ihm dann das Geheirnniss 
der Oelmalerei ablockt und ihn Abends bei der Serenade ermordet, bietet 
trefflichsten Stoff zu einer Novelle. 
Endlich auch hätten wir wohl gewünscht, dass der Verfasser, indem 
er die vorzüglichsten Florentiner des funfzehnten Jahrhunderts, indem er 
selbst so späte Meister, wie den Leonardo da Vinci, aufführt, manch einen 
Andern nicht so ganz übergangen habe. Wir meinen vornehmlich den 
Domenico Ghirlandajo, dessen kirchliche Gemälde, mit den Portraits seiner 
Zeitgenossen, recht als eine Verherrlichung der tlorentinischen Republik 
zu betrachten sind, der überhaupt unter den Malern seiner Zeit unstreitig 
einer der ersten ist.   _  
Doch genug dieser einzelnen Ausstellungen, wo so viel des lreftlrchen, 
im Ganzen so Genügendes und Empfehlenswerthes geleistet ist. Das Buch 
wird sich, bei dem gegenwärtigen grossen Interesse für die Künstler jener 
Zeit, gewiss viele Freunde und Leser erwerben; es eignet sich besonders 
zum Vorlesen und zur Vergleichung mit den zum Theil reichlich vorhan- 
denen Kupferstichen nach Werken der bezüglichen Künstler. 
Die Dedication des Buches lautet: „Herrn Geheimen Oberbaurath, Pro- 
fessor und Ritter Schinkel , I-Ierrn Professor und Ritter Rauch und Herrn 
Professor und Ritter Wach, des erhabensten Herrschers erhabenen Künst- 
lern." Der zweifache Titel lässt eine Folge ähnlicher Künstlergeschichten 
erwarten, wie der Verfasser bereits früher ein Buch der Art, „Norica"
        

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