Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485465
das Bild von 
Ueb er 
Tiziau 
0120. 
233 
Vestalin?  Gerade aber der Schauer, den der Contrast zwischen dieser 
üppigen, verführerischen Tänzerin und dem heiligen, still zürnenden Lei- 
chenhaupte des Propheten hervorbringt, ist das Tiefbedeutsame in diesem 
Bilde. Aehnliches zwar habe ich stets vor den Bildern Tizians empfunden, 
auch wenn das Memento mori nicht so, wie hier, auf den Händen getragen! 
ward; ich konnte mich bei seinen glühenden Gestalten nie des alten Liedes 
vo_m Venusberge erwehren. 
Wenn nunmehr die, in sämmtliehen Bildern wiederkehrende, für eine 
Portraitligur wenigstens sehr gewagte Stellung, wenn die eigenthümlichen, 
 um den Ausdruck des spanischen Beschreibers zu brauchen:  die 
venezianischen Züge des Gesichtes eben in dem Madrider Bilde ihre tiefere 
Bedeutung finden, und hier ein dichterisches Ganze sich darstellt; so frägt 
es sich ferner, in welchem Verhältniss, sowohl die andern, als namentlich 
das Berliner Bild, zu jenem stehen. Ich habe bereits die charakteristischen 
Unterschiede der Stellung in den beiden letztgenannten Bildern angeführt, 
aus denen hervorgeht, dass von einer eigentlichen Kopie des einen nach 
dem andern nicht die Rede sein kann; dies bestätigt auch noch der Umstand, 
dass das gelbseidene, blumig gewirkte Kleid der Berliner Fruchtträgerin mit 
langen, engen, bis an die Handgelenke reichenden Aermeln versehen ist, 
während die Madriderin ein kurzärmliges Kleid trägt. Würde ein Kopist 
einen der schönsten Theile eines Tiziamschen Bildes verhüllen? oder würde 
er, umgekehrt, es wagen, wo Tizian bekleidete Arme gemalt, das Original 
übertreffen zu wollen? 
Wichtiger aber, als all diese äusseren Gründe für die Originalität 
unseres Bildes,  die des spanischen scheint mir, der obigen Darstellung 
zufolge, gleichfalls nicht wohl zweifelhaft,  spricht das innere Leben, 
welches dasselbe durchdringt, es zu einem der ersten Sterne unserer Gallerie 
macht, vermöge dessen das Bild, wie klein auch in seinen Dimensionen, 
doch die Stellung Tizians zu der übrigen Kunstwelt würdig vertritt. Welch 
eine Modellirung mit den leisesten, klarsten Schatten! welch eine Kraft 
und Intensität der Färbung, ohne dass irgend eine besondere Farbe hervor- 
springt! Welch eine Macht und Fülle des Lichtes, ohne dass irgend ein 
blendender Effekt den Beschauer verwirrt! Wo soll die Sprache Worte 
hernehmen, um diese Vtfahrheit, dies Leben, diese originelle Naivetät genü- 
gend zu bezeichnen! Dies Alles lässt sich nicht beschreiben oder beweisen, 
nnl- fün1en, Wirf einen Blick auf das nebenhängende berühmte Bild von 
Licinio Pordenone, die Ehebrecherin vor Christus, welches stets als ein 
Muster im Colorit gerühmt ward: wie grau erscheinen die lebhaften Farben 
(lieses Bildes, wenn dein Auge eben auf dem der Cornelia verweilte! wie, 
ich möchte sagen, leblos diese meisterlich gemalten Köpfe! wie kalt, im 
höchsten Grade kau, jenes in seinen Formen doch so üppig schöne Weib l)! 
Uebl-jgeng ist es bekannt, dass Tlzran in der langen Bahn seines künst- 
lerischen Wirkens, zumeist wohl auf 39991111112: Veßchiedellß, bßsünders 
beliebte Werke seines Pinsels wiederholt hat; auch nehme ich keinen 
Anstand, an die Originalität auch noch anderer Wiederholungen des in 
Rede stehenden Bildes zu glauben. Gewiss war es ein Gegenstand, der 
i) Die Retoueherl, welche bei näherer Untersuchung das schärfere Auge des 
Kenngfg auf dem Tiziarfsciren Bilde entdeckt, thun gleichwohl seiner grossen 
Wirkung nicht den mindesten Abbruch, und sind somit erst recht ein Beweis für 
die Aechtheit und den ausserodentliehen Werth dieses Bildes.
        

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