Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485445
VOII 
das Bild 
Ueber 
Tizian 
etc. 
231 
Beschreibung desselben: QLa Cassette clu Titien. Auf Leinwand gemalt, 
3 Fuss 6 Zoll hoch, 2 liuss 11_ Loll breit; Lebensgrösse, Kniestück. Ein 
schönes Mädchen, welches für die Tochter des Tizian gilt, hält eine Schaale, 
darauf ein mit Steinengeschinücktes Kästchen, welches sie erhebt, wie um 
es sehen zu lassen; hinter ihr, zur Linken, sieht man einen, nach Art 
eines Festons zurückgeschlagenen Vorhang, zur Rechten Etwas vom freien 
Himmel." Eine Anmerkung fügt hinzu: „Man ist der Meinung, dass Tizian 
in dieser Schaale ursprünglich das Haupt des TäufersJohannes gemalt 
habe." Füssli (Künstlerlexicon II, S. 2044) scheint, nach seiner gewohnten 
Weise, die in dieser Anmerkung mitgetheilte Meinung für etwas ungereimt 
zu halten; wir werden gleich sehen, dass dieselbe, wenn auch eben hier 
vielleicht nicht gültig, so doch sehr wohl im Einklang mit dem Gesammt- 
Charakter des Bildes sein mochte. Die Descrzjation giebt als früheren 
Besitzer dieses Bildes den Chev. de Loraine an. Später, im Jahre 1799, 
wurde es, wie bekanntlich ein grosser Theil jener Gallerie, in London 
verkauft, und zwar an Lady Lucas, für 400 Pfund. WVenn Passavant (a. a. 
O. S. 276), aus dem ich diese Notiz entnehme, das Bild als „'l'iziansToch- 
ter, einen Helm haltend" bezeichnet, so scheint hier ein Versehen in der 
Uebersetzung des Kataloges Statt gefunden zu haben, indem vermuthlich 
das englische Caslcet (Kästchen) mit Caslc (Helm) verwechselt ist. 
Eine vierte Wiederholung endlich desselben Gegenstandes, für uns die 
interessanteste, ist in dem Königl. Museum zu Madrid vorhanden. Hier ist 
wirklich, eben wie es bei dem letztbesprochenen Bilde angedeutet wurde, 
in der Schaale, welche jenes Mädchen emporhebt, das Haupt des 'l'äufers 
enthalten. Uebrigens gehört dies Bild nicht, wie man zu vßrmuthßn geneigt 
sein dürfte, zu denjenigen, welche bereits unter den Regierungen KarPs V. 
und Philipps lI. nach Spanien kamen, vielleicht gar dort selbst, wie die 
Spanier zu erweisen sich bemühen, von Tizian gemalt wurden; erst um 
die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts kam es dahin. Vorher nämlich in 
der Gemälde-Sammlung KarPs l. von England beiindlicli, wurde es nach 
dessen Enthauptung, für 150 Pfund, samnit- anderen Kunstschätzen, von 
dem spanischen Gesandten Don Alonzo de Cardenas, gekauft und nach 
Madrid gebracht (S. Passavant a. a. O. S. 262 und 267). In einem der 
neuesten Hefte der Colecczon, Zztograßca de cuacelros ziel rey de Espafia el 
Seüor Don Fernando VII. (34 Cuademn) wird uns eine Steinzeiclinung 
nach demselben mitgetheilt, die eine klare Anschauung davon giebt und 
eine gewisse Vergleichung mit unserem Bilde zulässt. Der diesem Blatt 
beigefügte Text sagt Iöolgendesi     
Salome mit dem Haupte des Taufers, von Tizian. Wir 
Sehe]: auf dieser 'l'afel das Bild eines blonden Mädchens, zierlich geschmückt, 
angßthan mit einem Schleier, einem leinenen Hemd _m1t breiten Aermeln 
und einem Oberkleide von karmoisinrother Seide. Sie trägt eine Schaale 
mit einem abgeschlagenen männlichen Haupte, welches, obgleich entstellt, 
doch Ehrfurcht eintlösst. An diesen letzten Zeichen erkennen wir die Salßlllßi 
welche das Haupt des Tänfers zeigt. Wenn W]l' aber auf der einen Seite 
die Unschicklichkeit des gewählten Momentes in allem, was Ausführung 
und Gegenstand betriift, und ebenso in Rücksicht auf die Züge einer Vene- 
zianerin, dahin gestellt sein lassen, so wagen wir doch den Künstler zu 
fragen; wie er der Leinwand das Andenken an einen sonngeheuren Frevel 
aufprägen konnte, ohne in der Jungfrau die Wollust, die Frechheit, die 
Grausamkeit, die Abscheuliehkeit eines Herzens darzustellen. welches mit
        

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